Fachliches | 07. Februar 2021

Blühstreifen in der Praxis

Von Oswald Walg, DLR Rheinhessen-Nahe-Hunsrück
Eine vielfältige Pflanzengesellschaft im Weinberg kann die Artenvielfalt deutlich erhöhen. Weitere Vorteile sind intensive Durchwurzelung, Bildung einer schattenspendenden, langsam verrottenden Streuschicht, Förderung von Nützlingen sowie optische Aufwertung der Weinbaulandschaft.
Zweijährige Veitshöchheimer Bienenweide – viel Mäusegerste
Blühstreifen können aus Naturbegrünungen (Spontanbegrünungen) oder eingesäten Begrünungen bestehen. Naturbegrünungen sind einfach zu etablieren, recht robust und verursachen keine zusätzlichen Kosten und Arbeiten.
Allerdings sind sie meist artenarm und es dominieren nur wenige konkurrenzstarke, standortangepasste Pflanzen. Daher ist ihre Wirkung in Bezug auf eine Stärkung der Biodiversität und ökologische Aufwertung der Weinberge geringer als bei gezielten Einsaaten. In einem Blühstreifenversuch im Bad Kreuznacher Staatsweingut, dargestellt in Abbildung 1, dominierten in der Naturbegrünung die Mäusegerste, der Löwenzahn und die Ackerwinde, andere Arten waren nur spärlich vorhanden.
Bei Einsaaten können Gemenge- oder Reinsaaten zum Einsatz kommen. Gemenge sind artenreich und haben dadurch lange Blühphasen. Für Reinsaaten eignen sich Leguminosen recht gut. Es sind, bis auf wenige Ausnahmen, mehrjährige, ausdauernde Pflanzen, die recht nutzungselastisch sind und das Mulchen gut vertragen. Sie sind zudem in der Lage, in Symbiose mit Knöllchenbakterien den Stickstoff aus der Luft zu fixieren.
Leguminosen sind besonders gut geeignet
Über Mineralisation der abgestorbenen Pflanzenteile wird der darin enthaltene Stickstoff dem Boden zugeführt und steht dann auch den Reben zur Verfügung. Mehrjährige Leguminosen können im Reinbestand auf diese Weise dem Boden jährlich bis zu 250 kg/ha Stickstoff zuführen.
Von Bedeutung sind Leguminosen wie Luzerne oder Rotklee auch als Futterpflanze von Raupen verschiedener Schmetterlingsarten. Aufgrund dieser Vorteile enthalten die meisten Begrünungsgemenge einen mehr oder minder hohen Anteil an Leguminosen. Zudem sind sie tiefwurzelnd, häufig mit seitlicher Ausdehnung, und erschließen daher auch den Unterboden. Allerdings haben sie dadurch auch einen hohen Wasserverbrauch, was in trockenen Jahren oder auf trockenen Standorten zu einem Problem werden kann. Beliebte Arten sind Luzerne, Esparsette und Bokharaklee – Steinklee.
Diese sind allerdings recht hochwüchsig, was sich bei Handarbeiten wie dem Heften störend auswirken kann. Niederwüchsigere Arten sind der Rot- und der Weißklee. Einjährige Arten sind der Inkarnat- und der Alexandrinerklee. Im Folgenden sind wichtige Eigenschaften von Naturbegrünungen, Gemengemischungen und Leguminosen zusammengestellt.
Eigenschaften verschiedener Weinbergsbegrünungen
Naturbegrünungen (Spontanbegrünungen)
  • Artenarm, meist nur wenige Blühpflanzen
  • I.d.R. dominieren Humus- und Nährstoffzeigerpflanzen (z.B. Disteln, Kompasslattich, Rauhaariger Amaranth, Gänsefuß, Melde, Mäusegerste, Winde, Pfeilkresse, Löwenzahn etc.)
  • Biodiversität wird weniger gestärkt als bei gezielten Einsaaten
  • Wasserverbrauch, Wuchshöhe und Durchwurzelung sind abhängig vom Artenspektrum
  • Regenerieren sich gut
  • Keine Kosten für Saatgut und Aussaat, kein zusätzlicher Arbeitsaufwand
 
Gemengemischungen
  • Artenreich
  • Tief- und Flachwurzler
  • Wuchshöhe und Wasserverbrauch abhängig von der Zusammensetzung. Leguminosenreiche Gemenge (z.B. Wolffs- oder Rummelmischung) benötigen Standorte mit guter Wasserversorgung. Für trockenere Standorte sind Dr. Hofmann, Zeller Saaten und Semopur 7.4 Weinbergsbegrünung geeignet.
  • Lange Blühphase durch Artengemenge
  • Einjährige Pflanzen müssen sich für Vermehrung aussamen
  • Tieferes Mulchern verdrängt Kräuter und fördert Gräser, Walzen ist schonender für Kräuter
  • Viele Arten werden durch Spontanbegrünung nach zwei bis drei Jahren verdrängt, u.U. ist häufigeres Nachsäen erforderlich, wenn deren Erhalt und Kräutervielfalt erwünscht sind
 
Leguminosen
  • Die meisten Arten sind mehrjährig und ausdauernd (Ausnahmen sind z.B. Inkarnatklee oder Alexandrinerklee)
  • Viele Arten sind tiefwurzelnd mit seitlicher Ausdehnung (z.B. Luzerne, Bokharaklee, Esparsette, Rotklee)
  • Tiefwurzelnde Arten haben einen hohen Wasserverbrauch und benötigen deshalb Standorte mit guter Wasserversorgung. Für trockene Standorte sind Hornklee und Gelbklee geeignet.
  • Vertragen Mulchen gut, sofern Schnitthöhe nicht zu tief (mind. 8 bis 10 cm)
  • Stickstoff-Fixierung
  • Wuchshöhe in Abhängigkeit von der Art hoch (z.B. Luzerne, Esparsette, Bokharaklee), mittel (Rotklee, Inkarnatklee) bis niedrig (z.B. Weißklee, Gelbklee)
Andere Bearbeitung muss her
Das weit verbreitete Bodenpflegesystem im deutschen Weinbau ist die Offenhaltung jeder zweiten Gasse im Frühjahr und Sommer kombiniert mit einer Grasbegrünung in der anderen Gasse. Diese Art der Bodenpflege ist strukturarm, monoton und bietet dadurch nur wenigen Pflanzen- und Tierarten einen Lebensraum. Die Etablierung einer vielfältigen Pflanzengesellschaft kann die Artenvielfalt deutlich erhöhen.
Weitere Vorteile davon sind die intensivere Durchwurzelung des Bodens, die Bildung einer Schatten spendenden, langsam verrottenden Streuschicht, die Förderung von Nützlingen sowie die optische Aufwertung der Weinbaulandschaft.
Eine praktikable Lösung bietet ein schmaler Blühstreifen in der Gassenmitte zwischen der Schlepperbereifung. Damit wird die Wasserkonkurrenz zu den Reben in Grenzen gehalten, da noch genügend offen gehaltene Fläche vorhanden ist, und gleichzeitig wird die Artenvielfalt im Weinberg erhöht. Hierfür bedarf es jedoch anderer Bearbeitungstechniken. Für Blühstreifen in ansonsten offen gehaltenen Gassen können Grubber für die seitliche Bearbeitung recht einfach umgebaut werden.
Für begrünte Gassen gibt es spezielle Mulcher, die den Blühstreifen schonen. Mit der Etablierung von Blühstreifen können Winzer einen wichtigen Beitrag zur Förderung der Biodiversität und Artenvielfalt in den Weinbergen leisten, ohne dass sie Nachteile hinsichtlich der vegetativen und generativen Leistung der Reben befürchten müssen. Aus ökologischer Sicht ist zu hoffen, dass Blühstreifen zukünftig in das Bodenpflegesystem im Weinbau integriert werden.