Nachrichten | 04. November 2019

BWGV-Projekt Weinqualität

Von Julia Appel/BWGV
Ein neues Sensorsystem soll bei der Traubenannahme zusätzlich zu Oechsle-Graden vier weitere Qualitätsparameter in Sekundenschnelle ermitteln. Im Badischen Winzerkeller und in der Felsengartenkellerei in Hessigheim wird es getestet.
Im Herbst ist emsiges Treiben an den Traubenannahmestellen an der Tagesordnung. Für eine qualitative Untersuchung des angelieferten Traubenmaterials bleibt nicht viel Zeit, schließlich stauen sich die Schlepper schon in der Einfahrt.
Mit einem neuen Sensorsystem soll dies nun möglich werden: Mittels Infrarottechnik werden zusätzlich zu den Oechsle-Graden vier weitere Parameter in Sekundenschnelle ermittelt, die Aufschluss über die Qualität des Leseguts geben.
Landwirtschaftsminister Peter Hauk hat sich Anfang Oktober in der Felsengartenkellerei ein Bild von dem neuen System gemacht, wo der Sensor bereits seit 2017 im Rahmen eines Projekts des Baden-Württembergischen Genossenschaftsverbandes (BWGV) im Einsatz ist.
Großes Interesse
Dr. Götz Reustle (li.), Vorstandsvorsitzender der Felsengartenkellerei, erklärt Minister Peter Hauk das neue Verfahren zur Ermittlung der Traubenqualität.
„Wir sind froh, in der Felsengartenkellerei einen Partner gefunden zu haben, der das Risiko eingegangen ist, das System im laufenden Herbstbetrieb zu installieren und in der Praxis auf seine Tauglichkeit zu testen”, betont Dr. Ansgar Horsthemke, Generalbevollmächtigter und Bereichsleiter Beratung Waren- und Dienstleistungsgenossenschaften des BWGV. Initiiert wurde das von der Landesregierung geförderte Projekt  2017, es soll noch bis 31. Dezember 2021 laufen.
Im Einsatz ist es aktuell in der Felsengartenkellerei in Hessigheim und im Badischen Winzerkeller in Breisach. Weitere Betriebe wie die Lembergerland Kellerei Roswag, die Lauffener Weingärtner und die Genossenschaftskellerei Heilbronn meldeten aufgrund der positiven Ergebnisse Interesse an. Alle drei Genossenschaften haben sich deshalb schon in diesem Herbst für die Investition in die Infrarottechnologie entschieden.
Lange Zeit war es den Betrieben nur möglich, die Mostgewichte des angelieferten Materials zu messen. Im Zuge des Klimawandels, der eine immer frühere Lese – oft auch bei warmen Temperaturen – mit sich bringt und das Risiko für mikrobielle Beeinträchtigungen größer werden lässt, bedarf es neuer, umfangreicher Managementmaßnahmen, die den Betrieben zur Verfügung stehen.
Dem Traubeninneren nah
„Die Qualitäts- und Produktionssicherung ist höchstes Ziel im Weinbau. Umso dringender ist die Suche nach Instrumenten, die dazu beitragen”, erklärt Ute Bader, Weinbauberaterin und stellvertretende Bereichsleitung Beratung Waren- und Dienstleistungsgenossenschaften beim BWGV.
Vor allem der Anstieg an Vollernterflächen in Baden-Württemberg bedarf neuer Messmethoden. Da die Ware hier schon vorbereitet in den Betrieb kommt, bleibt nichts anderes übrig, als die Parzellen vor Ort in Augenschein zu nehmen. „In der Regel wird bei der Inspektion das Mostgewicht gemessen, eventuell noch der ein oder andere zusätzliche Parameter, was aber sehr aufwendig und zeitintensiv ist. Der Wunsch nach einer multifaktoriellen Messung, die automatisch, einfach sowie inline erfolgt und direkt Rückmeldung gibt, ist deshalb groß”, betont Ute Bader.
Zur Hilfe kommen soll hier  die Nahinfrarotspektroskopie (NIRS), mit welcher der Gesundheits- und Reifezustand der Trauben genauer ermittelt werden kann. Dieses System, das die Staatliche Lehr- und Versuchsanstalt für Wein- und Obstbau (LVWO) in Weinsberg auf den Weg gebracht hat, basiert auf Sensoren, die direkt in die Traubenannahme eingebaut werden und dort mithilfe von Infrarotstrahlen, die durch die Maische geschickt werden, Parameter wie Gluconsäure, Essigsäure, Glycerin und Ergosterin ermitteln. Daraus wird im nächsten Schritt ein Durchschnitt errechnet, der sogenannte „LVWO-Index”, der dann Aufschluss über die Qualität des Leseguts gibt.
Ampelsystem
„Das Endergebnis gleicht einem Ampelsystem, das in den Farben Grün, Gelb, Rot anzeigt, in welchem Zustand die Trauben sind. Und das alles in Sekundenschnelle”, so Dr. Martin Pour Nikfardjam. Direkt nach der Messung kann sofort entschieden werden, wofür das Traubenmaterial verwendet werden soll. „Die spezifische Sortierung bringt nicht nur Vorteile für den Keller mit sich, sondern auch für die Arbeitswirtschaft”, meint Ute Bader. Das robuste System kann in  bestehende Anlagen eingebaut werden und fällt dort aufgrund seiner geringen Größe kaum auf.
Die Felsengartenkellerei ist nun schon im dritten Herbst und kann auf einige Erfahrung mit der Infrarottechnik zurückblicken. „Die ersten zwei Herbste haben wir geübt, mittlerweile ist die Technik so gut entwickelt, dass wir sehr zufrieden mit den Ergebnissen sind. Diese Technik ist sicherlich auch ein Werkzeug, mit welchem man Grenzen für das Lesegut festlegen kann. Denn Trauben im gelben oder sogar roten Bereich benötigen später auch eine ganz spezifische Behandlung”, betont Dr. Götz Reustle, Vorstandsvorsitzender der Felsengartenkellerei.
Auch Minister Peter  Hauk zeigt sich erfreut über die Ergebnisse des Projektes: „Damit haben die Kellereien ein wirksames Instrument in der Hand, die angelieferten Trauben gezielt zu verarbeiten und gegenüber den Winzern und Weingärtnern eine faire Einstufung der gelieferten Trauben vorzunehmen. Die Qualität des Weins lässt sich somit konsequent und nachhaltig sichern.”
Nächster Meilenstein für das System ist die Markteinführung nach dem Projektende 2021. „Wichtig ist es jetzt, diese Technik in die Praxis zu bekommen. Wenn wir weniger Kontrolle draußen haben, brauchen wir zuverlässige Werkzeuge, die uns auch noch zu einem späteren Zeitpunkt unterstützen”, betont Reustle abschließend.