Nachrichten | 06. Februar 2020

Der Weinbau ist kein Korallenriff

Von Walter Eberenz
Prof. Dr. Hans R. Schultz ist Präsident der Hochschule Geisenheim University; er ist auch Präsident der Gruppe „Umwelt, Nachhaltigkeit und Klimaveränderungen” bei der Internationalen Organisation für Rebe und Wein (OIV) und forscht seit 25 Jahren zu Klimaänderungen. Er referiert beim Badischen Weinbautag am 12. März in Offenburg zum Thema Klimawandel.
Prof. Dr. Hans R. Schultz, Präsident der Hochschule Geisenheim University und der Gruppe „Umwelt, Nachhaltigkeit und Klimaveränderungen” bei der Internationalen Organisation für Rebe und Wein (OIV), ist einer der Wissenschaftler, die 2020 den nächsten Bericht des Intergovernmental Panel of Climate Change (IPCC) begutachten.
„Klimahysterie” wurde gerade zum Unwort des Jahres gewählt. Wie lässt sich am Weinbau in Deutschland festmachen, dass der Klimawandel real, ernst und weitreichend ist?

Insbesondere seit 1980 ist die Temperatur deutlich angestiegen. 2018 war in der Vegetationsperiode (April bis Oktober) das wärmste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen (in Geisenheim seit 1884). Es war auch rund 1,4 °C wärmer als das zweitwärmste Jahr 2003.
Nur damit man das in den rechten Kontext setzen kann: Das sind Temperaturen, die vergleichbar sind mit den Regionen Bordeaux oder Santiago de Chile Anfang der 2000er-Jahre oder den Adelaide Hills in Australien derzeit. Durch unsere nördlichen Breitengrade haben wir aber auch noch deutlich längere Tageszeiten (gegenüber Chile oder Australien sind das rund anderthalb bis zwei Stunden im Hochsommer).
Auch die Temperaturspitzen, wie im Juni und Juli 2019 mit teilweise über 40 °C, werden extremer. Gleichzeitig hat sich die potenzielle Verdunstung von Wasser seit 1980 um rund 15 % erhöht, was unabhängig von Veränderungen in den Niederschlägen den Wasserhaushalt der Weinbergsregionen verändert und die Wahrscheinlichkeit von Starkregen erhöht.
Zur „Klimahysterie” ist zu sagen: Reben sind eine wärmeliebende Kultur, aber schauen wir uns doch mal in den Wäldern um, da sind die Probleme bereits viel sichtbarer. Ich habe vor mehr als 20 Jahren einen Übersichtsartikel in einer internationalen Wissenschaftszeitschrift zu den möglichen Effekten des Klimawandels auf den Weinbau geschrieben (CO2-Konzentration in der Atmosphäre, Temperaturen, Wasserhaushalt, UV-Strahlung etc.). Alle Vorhersagen bzw. Vermutungen haben sich bewahrheitet – alle, leider!
 
Was wird sich in welchem Zeithorizont für den Weinbau mit besonderem Blick auf  Baden ändern?

Das ist schwierig zu sagen, aber wir haben natürlich Anpassungsmöglichkeiten. 2018 war so, wie die Vorhersagemodelle die Temperaturen für 2050 berechnen, also ein Blick in die Zukunft. Aber auch hier hilft uns ein Blick in andere Länder.
Südtirol z. B. ist deutlich wärmer als Bordeaux (rund  1,5 °C) oder Baden (rund 2,0 bis 3,0 °C von April bis Oktober), setzt aber sehr erfolgreich auf Weißweine, vor allem Burgunder und Sauvignon blanc.
 
Was steht den Winzern zur Verfügung, um sich dem Klimawandel anzupassen – von der Sortenwahl über Erziehungssysteme, Anbauverfahren bis zu Frostschutzmaßnahmen?

Bei den Sorten bin ich entspannt. Wir bekommen mehr Möglichkeiten und verbessern unsere alten. Viel unklarer sind die Vorhersagen darüber, ob es im September und Oktober neben der Erwärmung noch feuchter werden wird und damit die Fäulnisgefahr steigt. Gegen Trockenheit sollten wir vor allem auf andere Unterlagen setzen, Bewässerung wird auf lange Sicht problematisch (Verfügbarkeit, Investitionen, Konkurrenz mit anderen Nutzern, Grundwasserprobleme, Energieaufwand etc.).
Bei den Erziehungssystemen gehen wir langsam auf kleinere Laubwände, um den Wasserverbrauch zu drosseln und die Reife zu verzögern. Oder wir können die Blattfläche während der Vegetationsperiode anpassen, z. B. über Entblätterung, aber über der Traubenzone. Wir können die Zeilenrichtung ändern, um die Temperaturen auf der Westseite (nachmittags) zu verringern oder durch einen „doppelten” Winterschnitt das größere Spätfrostrisiko reduzieren. Der Weinbau ist kein Korallenriff, wir können uns anpassen.
 
Ist besonders am Schwarzwaldrand das Verlegen des Weinbaus in höhere Lagen eine Option?

Sicherlich eine Möglichkeit – auch hier ist Südtirol ein Beispiel. Man muss es aber verträglich tun und immer mit Blick auf die Auswirkungen auf natürliche Ökosysteme.
 
Welchen Weinbau werden unsere Enkel in Baden betreiben?

Das hängt auch von uns selbst ab! Auch wir leisten einen Beitrag zum Klimawandel, schwere Glasflaschen z. B. sind der größte „CO2-Emittent” in der Produktionskette. Wir sollten über ein verbindliches Maximalgewicht nachdenken!
Unsere Böden müssen zu CO2-Senken werden und nicht CO2-Quellen sein - und das bei steigenden Bodentemperaturen. Das erfordert Umdenken in Bezug auf Bodenbearbeitung, Begrünung etc. Mich beunruhigt sehr, dass die deutsche Weinbranche im internationalen Vergleich bei der Nachhaltigkeit weit hinterherhinkt. Dazu gibt es leider einige belastbare Daten. Das sollten wir schnell ändern.
Für meine Begriffe ist unser Lebensmittelsystem insgesamt absolut krank! Wie sollen Bauern und Winzer bei den niedrigsten Preisen aller Zeiten nachhaltig wirtschaften? Unmöglich, da muss der Verbraucher einen Beitrag leisten, sonst werden wir es nicht schaffen, die Landwirtschaft zukunftsgerecht umzubauen. Und das ist absolute Voraussetzung, wenn unsere Enkel- oder Folgegenerationen hier oder irgendwo anders noch Weinbau betreiben wollen.