Weinbauverband | 09. Juli 2024

150 Jahre Verbandsgeschichte

Von der Redaktion
Im Jahr 1874 wurde der Deutsche Weinbauverband (DWV) als Berufsorganisation für die Winzerinnen und Winzer gegründet. Das Jubiläum war Anlass für einen Rückblick im feierlichen Rahmen des Saalbaus in Neustadt/Weinstraße.
Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir gratulierte: „Deutscher Wein steht für ein lebendiges Kulturgut, das Tradition und Moderne miteinander vereint. Der Weinbau ist nicht nur ein starker Wirtschaftsfaktor in unseren ländlichen Regionen, sondern leistet einen bedeutenden Beitrag zur Biodiversität: Weinberge bieten Rückzugsraum für seltene und bedrohte Arten.” Und er zollte den Akteuren aus den Reihen des Deutschen Weinbauverbands Respekt für deren unermüdlichen Einsatz. Sie vertreten seit 150 Jahren die Branche und die Belange der Menschen, die Weinbau betreiben und davon leben, betonte Özdemir anerkennend. „Für den deutschen Weinbau liegt Wandel in der Natur der Sache. Es ist bewundernswert, wie anpassungsfähig die Weinbaubetriebe sind”, bemerkte der Bundesminister mit Blick auf die vielen Betriebe, die sich dem Trend zu Bio-Weinen angepasst und ihre Produktion umgestellt haben. Sorge bereiteten ihm hingegen die Klimafolgen, die angespannte Marktlage und gestiegene Produktionskosten. „Hier unterstützen wir Winzerinnen und Winzer passgenau: Wir fördern Investitionen, helfen bei der Umstellung und Umstrukturierung von Rebflächen und setzen auf Züchtungsforschung bei der Anpassung an das Klima. Außerdem befreien wir die Winzerinnen und Winzer von unnötigen Bürokratielasten.”
Drei Meilensteine
 Eingangs hatte DWV-Präsident Klaus Schneider einen Überblick über die Geschichte des Dachverbandes gegeben. Er ging insbesondere auf drei Meilensteine aus den letzten 25 Jahren der Verbandsgeschichte ein. „Kaum ein Thema hat sich in den letzten Jahren so schnell entwickelt wie die gesellschaftliche und politische Erwartung an den Pflanzenschutz. Doch auch die Weinbranche hat sich hier weiterentwickelt und bereits erhebliche Reduktionen vorgenommen. Ein Meilenstein in dieser Entwicklung sind unsere Leitlinien zum Integrierten Pflanzenschutz”, so der Weinbaupräsident. Als weiteren Meilenstein nannte er die Gründung der europäischen Initiative „Wine in Moderation”, mit der der Berufsstand ein klares Bekenntnis zu moderatem Weingenuss und gegen Alkoholmissbrauch gesetzt hatte. Als erschreckend bezeichnete Klaus Schneider jedoch die aktuellen Entwicklungen in der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in einigen Mitgliedstaaten und auch in Teilen des EU-Parlaments, die nicht mehr zwischen moderatem Konsum und Missbrauch unterscheiden. „Ich fordere die Rückkehr zu einer faktenbasierten, wissenschaftlichen Diskussion. Die Branche bekennt sich weiterhin zu ihrer Selbstverpflichtung und setzt auf Aufklärung statt auf Verbote.” Als dritten Meilenstein nannte Schneider den Übergang vom germanischen zum romanischen Bezeichnungssystem. Herkünfte und Qualität seien nunmehr auch rechtlich miteinander verknüpft. Bedeutsam seien in diesem Zusammenhang die vom Verband initiierte Schaffung der Schutzgemeinschaften und eine Anpassung des Bezeichnungsrechts, um den Paradigmenwechsel auch im Gesetz nachzuvollziehen, gewesen.
Aktuelle Brandthemen
Des Weiteren durften Ausführungen über die aktuellen Brandthemen der Branche in Schneiders traditionellem „Bericht zur Lage” natürlich nicht fehlen: Die Funktionsfähigkeit der Schutzgemeinschaft, eine Regulierung des Anbaupotentials auf EU-Ebene und die Berücksichtigung der Pflanzenschutzreduktionsstrategie der Branche waren hier seine wesentlichen Forderungen. „Wir haben uns auch Gedanken gemacht, welche Biodiversitätsleistungen aus Sicht der Praxis und der Wissenschaft tatsächlich sinnvoll sind und wie diese auch ökonomisch tragfähig gestaltet werden können”, so Schneider mit Bezug auf das Leitthema Biodiversität im Weinbau, das Dr. Christoph Hoffmann vom Julius Kühn-Institut (JKI) anschließend beleuchtete. Seit seiner Gründung im Jahr 1874 legt der DWV ein besonderes Augenmerk auf die Vernetzung zwischen weinbaulicher Praxis, Wissenschaft und Politik, weshalb die anschließende Podiumsdiskussion mit dem Thema „Biodiversitätsleistungen im Weinbau – politische Forderungen und praktische Notwendigkeiten” weiteren Raum für Austausch und Diskussion bot. Unter der Moderation von DWV-Vizepräsident Heinz-Uwe Fetz diskutierten Expertinnen und Experten wie Michael Pielke von der EU-Kommission, Aly Leonardy von der Assemblée des Régions Européennes Viticoles (AREV), Steffen Bilger, MdB und stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag, sowie Dr. Jo Marie Reiff von der Rheinland-Pfälzischen Technischen Universität Kaiserslautern-Landau (RPTU) zu diesem Themenkomplex. „Die Arbeit mit und in der Natur lässt sich nicht in Gesetzestexte pressen. Der Weinbau erkennt seine Verantwortung für eine enkelgerechte Bewirtschaftung und hat in den letzten Jahren konstruktive Lösungsvorschläge erarbeitet, das bestätigt uns die Wissenschaft. Jetzt müssen wir mit der Politik Hand in Hand arbeiten, um tragbare Lösungen auf den Weg zu bringen, um Betriebe und die Biodiversität zu erhalten”, summierte Fetz den lebhaften Austausch zwischen den hochkarätigen Diskussionsteilnehmenden, die von den zahlreichen Gästen verfolgt wurde. Darunter die amtierende Deutsche Weinkönigin Eva Brockmann, Ministerin Daniela Schmitt vom Ministerium für Wirtschaft, Verkehr, Landwirtschaft und Weinbau des Landes Rheinland-Pfalz und Generaldirektor John Barker von der Internationalen Organisation für Rebe und Wein (OIV).