Weinbauverband | 01. Juni 2022

Erhaltung ist gesellschaftliche Aufgabe

Von der Redaktion
Steillagen prägen die Weinkulturlandschaft und bieten vielen Pflanzen- und Tierarten eine Heimat. Ihre Bedeutung für den Tourismus ist nicht zu unterschätzen. Deshalb wurde dem baden-württembergischen Weinbauminister Peter Hauk ein Positionspapier zum Erhalt des Steillagenweinbausüberreicht.
Weinbergssteillagen – hier am Staufener Schlossberg – prägen Kulturlandschaft.
Erstellt wurde das Positionspapier vom Badischen Weinbauverband zusammen mit dem Weinbauverband Württemberg und dem Baden-Württembergischen Genossenschaftsverband. Die Inhalte werden auch in die weinbautreibenden Kommunen kommuniziert, um gemeinsam Möglichkeiten zu finden. Auch Winzer können das Papier als Grundlage für den Austausch mit Entscheidungsträgern nutzen.
Von den rund 28.000 Hektar Rebflächen des Landes sind rund 7000 Hektar Steillagen mit über 30 Prozent Hangneigung, davon etwa 1000 Hektar terrassierte Mauerweinberge. Etwa fünf Prozent der Rebflächen können nur in Handarbeit bewirtschaftet werden.
Durch den hohen Arbeits- und Erhaltungsaufwand sind diese Lagen unrentabel geworden und werden sukzessive aufgegeben.
Damit droht diese Kulturlandschaft zu verschwinden. Es ist eine gesellschaftliche Aufgabe, die ökologisch wertvollen Weinbausteillagen und gewachsenen Weinbaukulturlandschaften zu erhalten. Wein ist ein Kulturgut und baden-württembergische Weine  sind für ihre Qualität und regionale Typizität bekannt. Der Wein ist zudem ein zentraler Genussbotschafter für das Genießerland Baden-Württemberg.
Von besonderer Bedeutung
Steillagen-Weinbau steht für Qualität, biologische Vielfalt und nachhaltige Landbewirtschaftung, häufig in kleinen und sehr kleinen Produktionsstrukturen. Hänge, Saumbiotope und Weinbergsmauern sind Refugien für seltene Pflanzen- und Tierarten. Trockenmauern sind als Biotoptyp nach dem Landesnaturschutzgesetz geschützt und müssen erhalten werden.
Die weinbauliche Nutzung dient daher auch den Zielen des Naturschutzes auf exponierten Standorten mit darauf angewiesenen speziellen Arten. Zudem kann durch Querterrassierung der Wasserrückhalt und Erosionsschutz verbessert werden.
Steillagengebiete sind zugleich als Wohn-, Wirtschafts- und Erholungsräume von besonderer Bedeutung. Eine intakte Weinkulturlandschaft lebt von einem aktiven Steillagenweinbau, der  Erlebniswelten für Touristen und erholungssuchende Bürger bietet und Voraussetzung für einen lebendigen Tourismus und das Ansehen der entstehenden Produkte ist. Dazu gehören Weinberge in einer geschlossenen Gebietskulisse, die mit attraktiven Rad- und Wanderwegen durchzogen ist. Mit der Bewirtschaftung und damit auch mit der Befestigung und Instandhaltung der Wege wird ein wichtiger Beitrag geleistet.
Innovative Technologien sind nötig
Mit etwa 1200 Stunden pro Hektar im Jahr ist die Bewirtschaftung von Steillagen sehr arbeitsaufwendig.
Der Arbeitszeitaufwand konnte zwar in den letzten Jahrzehnten auch im Steillagenweinbau reduziert werden, liegt aber dennoch mit etwa 1200 Stunden/ha deutlich über dem Arbeitszeitaufwand in Flachlagen. Vor dem Hintergrund dieser Arbeitsintensität einhergehend mit den steigenden  Produktionskosten, insbesondere durch den Mindestlohn, sowie einem Mehr an zu berücksichtigenden Auflagen, ist die Bewirtschaftung oft nicht mehr wirtschaftlich tragfähig. Die Folgen sind verwilderte Brachen inmitten der Kulturlandschaft.
Da in den Steillagen eine mechanische Unterstockbearbeitung nur unter erschwerten Bedingungen möglich ist, bedarf es dringend nachhaltiger Alternativen sowie der Entwicklung und Förderung innovativer Technologien und Pflanzenschutzmittel.
Jährlich fallen große Flächen brach und verwildern. Rebkrankheiten und Schädlinge können sich verbreiten und diese sogenannten Drieschen können auch Erosionen und Rutschungen nach sich ziehen. Dies hat negative Auswirkungen auf die Artenvielfalt und auf die angrenzenden Weinberge.
Schattenwurf von benachbarten Hecken und Büschen, Wild- und Vogelfraß können den Traubenertrag und die Traubenqualität deutlich beeinträchtigen. Eine dauerhafte Verbuschung und die Einstufung aufgegebener Flächen als Biotop hätte zudem erhebliche rechtliche Folgen für die Bewirtschaftung der Nachbargrundstücke.
Welche Maßnahmen würden helfen, den Steillagen-Weinbau zu erhalten?
Die Erhaltung des Steillagen-Weinbaus müsse mit Blick auf seine exiszentielle Bedeutung für die Wirtschaft und die Arbeitsplätze sowie insbesondere für den Tourismus in den Weinbauregionen zu einer gesamtgesellschaftlichen Aufgabe gemacht werden, erklären die drei Verbände. Dabei müssten auch die Kommunen und Tourismusverbände einen vermehrten Beitrag leisten. Folgende Maßnahmen würden  helfen, den Steillagenweinbau auch langfristig zu erhalten:
  • Auch Kommunen müssen den Mehrwert für Tourismus, Naturschutz und Landschaftspflege anerkennen und honorieren: Steillagen können als Imageträger für eine Region sehr interessant sein. Eine Unterstützung der Kommunen wäre daher wünschenswert, beispielsweise durch Übernahme von Kosten, z.B. bei Bau und Pflege der Trockenmauern. Ein Beispiel: Zur Förderung von Kleinprojekten, die dem Erhalt des Steillagenweinbaus und der Weinkulturlandschaft dienen, haben elf Kommunen und der Landkreis Ludwigsburg 2020 den Verein „Regionalentwicklung Neckarschleifen” gegründet. Damit wurde die Voraussetzung geschaffen, das Förderprogramm Regionalbudget zu nutzen, ein auf Bundesebene ausgewiesener zusätzlicher Fördertopf für den ländlichen Raum.
  • Der Steillagenweinbau wird zwar bereits durch die öffentliche Hand unterstützt, jedoch  reicht dies nicht aus. Eine Erhöhung der Förderung des Handarbeitsweinbaus wäre ebenso wünschenswert wie eine Förderung für Umstrukturierungen und die Möglichkeit der Maschinenförderung von Betriebsgemeinschaften. Ein runder Tisch mit dem Ministerium Ländlicher Raum, dem Umweltministerium und dem Wirtschaftsministerium ist wünschenswert, um  Lösungsansätze zu diskutieren.
  • In diesem Zusammenhang würden die drei Verbände eine Verlängerung zum Erhalt der Pflanzrechte auf sechs Jahre begrüßen, wie sie bereits gefordert wurde.
  • Rebschutzmaßnahmen stellen im Steillagenweinbau für die Betriebe eine ganz enorme Belastung dar. Weitere Forschung zu alternativen Anwendungen, wie dem Einsatz von Drohnen und Piwis, ist notwendig und muss weiter gefördert werden. Die bürokratischen Anforderungen für Drohnenanwender müssen abgebaut werden.
  • Vermarktungsinitiativen, unterstützt durch Kommunen und Land, müssen einen erkennbaren Mehrwert für Steillagenweine bringen. Eine Unterstützung der Werbemaßnahmen für in Steillagen hergestellte Weine erreicht neue Kundengruppen und stärkt das allgemeine positive Bild der Weinbaugebiete Baden und Württemberg.