Nachrichten | 10. Juni 2021

Noch schwierig, den Schaden zu beziffern

Von Walter Eberenz
Ernst Weinmann ist Referatsleiter Weinbau und Versuchswesen beim Staatlichen Weinbauinstitut Freiburg. Wir sprachen mit ihm über die Frostnächte im April und mögliche Auswirkungen.
Ernst Weinmann ist Referatsleiter Weinbau und Versuchswesen beim Staatlichen Weinbauinstitut Freiburg.
Wir sind jetzt – Stand 21. Mai – etwa sechs Wochen nach den Frostnächten hintereinander kurz nach Ostern. Was gibt es zur Schadensbilanz  für die Reben in Baden zu sagen?

Wir haben nach Sorten und auch nach Lagen gewisse Unterschiede. Die frühen Lagen und frühen Sorten waren natürlich am stärksten betroffen: Dazu gehören Gutedel, Chardonnay, Muskat oder Gewürztraminer. Diese Sorten waren in den feuchtkalten Nächten in der Phase nach dem Knospenschwellen. Die Folgen sieht man deutlich, der Frost hat auch viele Beiaugen erwischt.
Es ist aber immer noch schwierig, den Gesamtschaden zu beziffern, weil sich wegen des kühlen Wetters der vergangenen Wochen bei den Reben nicht viel getan hat. Man weiß also noch nicht durchgängig, wie viele Beiaugen tatsächlich betroffen sind oder wie viele davon noch austreiben werden. Der Ertrag von Beiaugenaustrieben wird etwas geringer ausfallen, das wissen wir.
Regional ist das Markgräflerland stärker betroffen, zudem die Vorbergzone mit den Chardonnayflächen. Geringere Schäden gab es in den Regionen, die generell etwas später in der Vegetationsentwicklung sind, so am Bodensee und in Tauberfranken.

Kann man die Schäden quantifizieren, in Prozent?

Das geht bis 80 Prozent hoch bei Chardonnay und bei Gutedel. Es gibt dann auch Regionen, wo es 20 bis 30 Prozent sind. In Regionen, die später in der Entwicklung waren, gibt es auch Flächen, die keine Schäden davongetragen haben.

Nimmt man die vergangenen zehn Jahre, gab es in Baden auffällig häufig Spätfrostschäden. Müssen wir uns daran gewöhnen?

Wir haben es hier tatsächlich mit einer zunehmenden Problematik zu tun. Durch die Klimaentwicklung sind wir mittlerweile beim Austrieb zwei Wochen früher
dran als vor 20 oder 30 Jahren. Das ist eine Entwicklung, die uns immer weiter in die Zeitregionen führt, in denen wir noch mit Spätfrösten zu rechnen haben.

Was kann man denn in Baden sinnvoll präventiv machen, wenn diese Ereignisse zunehmen – auch mit Blick auf die Kosten im Verhältnis zu den Erlösmöglichkeiten?

Frostberegnung ist eine Möglichkeit. Ich denke da immer an eine größere Fläche in Tauberfranken, die damit ausgestattet ist. Dort hat man ja auch auch schon häufiger mit Frostereignissen zu tun gehabt. Aber insgesamt, das muss man natürlich sagen, trifft das nur auf wenige Lagen in Baden zu. Das Belassen einer Frostrute ist eine weitere Möglichkeit und das wird ja auch durchgeführt in tieferen Lagen und sieht man  zum Beispiel auch am Kaiserstuhl. Das kostet verhältnismäßig wenig, ist wirkungsvoll, bedeutet auf der anderen Seite jedoch auch höheren Arbeitsaufwand.
Weinbaulich bieten Minimalschnittanlagen die Möglichkeit, nach Frosteinwirkung noch akzeptable Erträge zu erreichen. Das liegt daran, dass Minimalschnittanlagen in der Entwicklung ohnehin etwas später sind und dass sie über sehr viele kleinere Gescheine verfügen. Minimalschnittanlagen zeigen eine überdurchschnittliche Ertragsfähigkeit. Allerdings brauchen wir für den Minimalschnitt im Spalier eine gewisse Zeilenbreite: zwei Meter müssen es schon sein. Wir vom Institut haben seit mehreren Jahren am Blankenhornsberg eine Piwi-„Nichtschnittanlage” mit rund 2,50 Metern Zeilenbreite angelegt.
Man muss allerdings auch sehen, dass das in Baden für viele nicht möglich ist, angesichts der bekannten kleinen Parzellenstrukturen. Eine weitere Möglichkeit ist das sogenannte „double-pruning”, bei dem man die Laubwand erst auf die Hälfte einkürzt und dann nach dem Austrieb nochmal auf Zapfen schneidet. Das sind so die weinbaulichen Möglichkeiten, die wir haben und die verhältnismäßig günstig realisiert werden können.

Gibt es Projekte technischer Art zur Frostprävention, an denen das Staatliche Weinbauinstitut arbeitet?

Ja, wir testen eine Technik, die bei uns unter dem Arbeitstitel „Rebenheizung” läuft. Hier sind am Biegedraht Kunststoffrohre verlegt, die bei Frostgefahr an den Enden zu einem Wasserkreislauf verbunden werden. Mit einer mobilen Heizung und dem Wasserkreislauf wird die Wärme an die Reben und Triebspitzen geführt, um dort die Temperatur so weit zu erhöhen, dass keine Schäden entstehen. Ein problematischer Faktor hierbei ist der Wind, das gilt ebenso für elektrische Heizungen. Durch zu viel Wind kann der Wärmepuffer, der durch den Einsatz der Technik entstehen soll, schnell verloren gehen.  Das wiederrum versuchen wir mit dichten Netzen, die bei Bedarf heruntergerollt und verschlossen werden, zu vermeiden. Das ist ein System, das wir uns gut in der Praxis vorstellen können. Dieses System wird allerdings seinen Preis haben. Für viele Betriebe mit angespannter Erlössituation kommt das eher nicht in Frage, das muss man ganz klar sehen.