Nachrichten | 29. April 2020

Wir müssen künftig damit leben

Von Petra Littner
Martin Bercher aus Vogtsburg-Burkheim ist Winzer und Vorsitzender des Kaiserstühler Weingüter e.V. Wir sprachen mit ihm über die Auswirkungen der Corona-Krise.
Martin Bercher aus Vogtsburg-Burkheim ist Winzer und Vorsitzender des Kaiserstühler Weingüter e.V.
Covid-19 – das unheilbringende Virus hat alle Lebens- und Arbeitsbereiche erfasst, das Kontaktverbot die Wirtschaft lahmgelegt und so manchen Betrieb in Existenznot gebracht. Wie wirkt sich die Coronakrise auf die Kaiserstühler Weingüter aus?

Der Kaiserstuhl lebt größtenteils vom Weintourismus. Es kommen momentan allerdings sehr wenige Gäste und Kunden an den Kaiserstuhl. Die Gastronomie ist geschlossen. #stayathome und Social Distancing sind momentan notwendig. Die Umsätze mit der Gastronomie sind entsprechend auf null, aber der Postversand an Privatkunden hat sehr stark zugenommen. Dies kann die fehlenden Umsätze mit der Gastronomie natürlich trotzdem bei weitem nicht ausgleichen. So bewährt es sich in diesen Zeiten wieder, wenn man unterschiedliche Kundengruppen als Abnehmer hat und sich nicht auf einen Absatzkanal beschränkt. Dies war auch schon bei der Euro-Umstellung im Jahr 2001 und bei der Wirtschaftskrise 2008 so.

Inwiefern hat die Krise die Personalstruktur betroffen?

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus dem Elsass haben es momentan nicht einfach. Sie kommen nicht so leicht über den Rhein – unsere Grenze – und sind hier nicht immer gerne gesehen, weil das Elsass ein Hochrisikogebiet ist. Saisonarbeitskräfte aus Polen können hingegen weiterhin mit ihrem eigenen Auto anreisen. Jetzt dürfen auch Rumänen und Bulgaren mit dem Flugzeug einreisen. Hoffentlich bekommen alle Winzer und Landwirte genügend Helfer für die anstehenden saisonalen Arbeiten. Die Natur macht wegen Corona keine Pause!

Die Landwirtschaft hat die Bevölkerung zur Unterstützung, beispielsweise bei der Spargel- und Erdbeerernte, aufgerufen. Haben auch bei den Weinbaubetrieben Freiwillige ihre Mithilfe angeboten?

Der  Maschinenring hat eine Hilfsaktion in Form einer Vermittlungsplattform unter  www.daslandhilft.de gestartet. Dort können sich Helfer und Landwirte eintragen. Mitarbeiter aus der Gastronomie arbeiten zwischenzeitlich in Weinbaubetrieben in ganz Baden. Somit verstärkt sich die Bindung zwischen lokalen Partnern. Da das Abitur um einen Monat verschoben wurde, haben viele junge Menschen Zeit und können sich ein bisschen Geld im Weinbau verdienen. Dies bringt ihnen, den Kunden von morgen, nicht zuletzt den badischen Wein näher. Für die Zukunft des badischen Weins sind diese Aktionen sicher von Vorteil.

Die Weinerzeuger in Baden versuchen sich mit verschiedenen Ideen über Wasser zu halten. Gibt es bei den Kaiserstühler Weingütern besondere oder auch originelle Aktionen?

Web-Shops, Abholung, Versand, Gutscheine, Sonderaktionen, Online-Weinproben, Social Media, und einiges mehr – es gibt viele Möglichkeiten, für ein bisschen „cash flow” zu sorgen, damit die Löhne und weitere laufende Kosten bezahlt werden können. Jeder Winzer hat seine eigene Art, um mit seinen Kunden zu kommunizieren. Manche Winzer liefern im Umkreis oder per Post in ganz Deutschland ab 6/12/18 Flaschen frachtfrei. Manche legen jeder Bestellung eine 0,375-Liter-Flasche Wein als Geschenk und/oder eine Grußkarte bei.

Mit der Coronakrise sind aktuelle Themen wie das Weingesetz, die Düngeverordnung und der Pflanzenschutz in den Hintergrund gerückt. Wann ist mit einer Wiederaufnahme zu rechnen?

Die Diskussionen in den Verbänden und unter den Winzern gehen weiter. Die Pyramide nach dem neuen Bezeichnungsrecht ist eine sehr gute Ausgangsbasis. Die Düngeverordnung wird unser nachhaltiges Handeln und die Kreislaufwirtschaft sehr negativ beeinflussen. Die Landesregierung wünscht sich Humusaufbau als CO2-Speicher, dies wird mit den möglichen Trestermengen je Hektar so nicht funktionieren.
Die persönliche Schutzausrüstung ist ein weiteres Thema, das die Winzer sehr beschäftigt. Die Vorgabe für jedes Pflanzenschutzmittel ist zu beachten! Das ist cross-compliance-relevant und ein Bußgeld dafür ist möglich. Jeder Winzer sollte die Spritzfolge an seinen Betriebsablauf anpassen und seinen Mitarbeitern geeignete Schutzkleidung zur Verfügung stellen. Eine diesbezügliche schriftliche Arbeitsanweisung ist von den Mitarbeitern zu unterschreiben.

Wie könnte die Rückkehr in eine gewisse „Normalität” gelingen?

Die Bundes- und Landesregierungen machen die Vorschriften. Wir können nur Wünsche äußern und träumen. Corona ist jetzt da wie die Kirschessigfliege. Wir müssen in der Zukunft damit leben, wie mit vielem Neuen. Die Gesellschaft und das Miteinander werden sich grundlegend ändern. Wir Winzer sind es gewohnt, auf neue Situationen professionell zu reagieren. Wir schaffen das!