Nachrichten | 12. September 2018

Die Edith-Stein-Schule im Wandel

Von Petra Littner
Oberstudiendirektorin Susanne Flaig war von September 1999 bis 31. Juli 2018 Leiterin der Edith-Stein-Schule in Freiburg. Zum Ende Ihrer Amtszeit sprachen wir mit Ihr über die Entwicklungen an der Berufsschule für Winzer.
Oberstudiendirektorin Susanne Flaig war von September 1999 bis 31. Juli 2018 Leiterin der Edith-Stein-Schule in Freiburg.
Frau Flaig, Sie haben fast 19 Jahre an der Edith-Stein-Schule in Freiburg gewirkt. Welche Ausbildungsschwerpunkte standen während dieser Zeit im Fokus?

Alle Bildungsgänge standen zu unterschiedlichen Zeiten im Fokus. Beispielsweise gab es in der beruflichen Qualifizierung einen Wechsel vom Berufsvorbereitungsjahr (BVJ) zum Berufseinstiegsjahr (BEJ) und im Schuljahr 2017/18 zur Ausbildungsvorbereitung dual (AVdual). Ganz aktuell hinzugekommen sind Kurse für Jugendliche mit Migrationshintergrund im VABO (Vorbereitung Arbeit Beruf ohne Deutschkentnisse). Zudem wurde die Oberstufe ausgebaut mit den Schwerpunkten „Berufskolleg Gesundheit und Pflege II” (Fachhochschulreife) und „Berufsoberschule für Sozialwesen” (Abitur auf dem zweiten Bildungsweg). Das „Berufliche Gymnasium” (Abitur) erhielt zusätzlich das Profilfach „Agrarwirtschaft” und ein Jahr später auch „Gesundheit und Pflege”. In der zweijährigen Berufsfachschule (Mittlerer Bildungsabschluss) wurde darüber hinaus „Ernährung und Gastronomie” eingeführt.
 
Haben Sie auch eigene Klassen unterrichtet? 

Als Diplomphysikerin habe ich die  Lehrbefähigung in Physik und Mathematik und als Schulleiterin eine Pflicht von vier Unterrichtsstunden pro Woche. Die habe ich in Mathematik, im Berufskolleg Gesundheit und Pflege I und später, als das Berufskolleg Gesundheit und Pflege II an der Schule eingerichtet war, auch darin erteilt. Ziel: Fachhochschulreife.
 
Wie hat sich die Berufsschule auf Veränderungen bei den Berufsbildern eingestellt?
 
Der Lehrplan gestattet, dass man auf „Neues im Weinbau” reagieren kann. So wird in Fachkunde auch immer Aktuelles wie Kirschessigfliege, Bläulingszikade und Goldgelbe Vergilbung behandelt. „Ökologischer Weinbau” ist seit zehn Jahren in den Unterricht integriert und auch eine dreitägige Lehrfahrt im dritten Ausbildungsjahr in deutsche bzw. europäische Weinbaugebiete ist seit zehn Jahren im Lehrplan verankert.
 
Gibt es auch neue Fächer?

Seit sechs Jahren gehört „Sensorik” dazu, seit zehn Jahren eine Grundlagenschulung in Rhetorik im ersten Ausbildungsjahr mit Vertiefung im zweiten und dritten Ausbildungsjahr. Vor fünf Jahren startete zusätzlich zu den Pflanzenschutz-Grundlagen  ein Intensiv-Workshop unter Beteiligung aller Fachlehrer in Theorie und Praxis. Ebenfalls eingeführt wurden eine Fachtagung Weinbergpflege  und gezielte Projekte zum Thema Vermarktung.

Welche Fortbildungsangebote gibt es für Lehrkräfte?

Die Schule ist Mitglied im bundesweiten Netzwerk für Weinbauschulen und die Lehrkräfte nehmen Fortbildungen, auch in anderen Bundesländern, wahr. Im internationalen Netzwerk der europäischen Weinbauschulen finden alle zwei Jahre Treffen statt. Für Auszubildende vermittelt das Netzwerk zudem Praktika im europäischen Ausland, unterstützt die Teilnahme an „Erasmus+”- Projekten und fördert die Teilnahme an Wettbewerben.
 
Welche Zielgruppen spricht eine agrarfachliche Ausbildung an?

Jugendliche aus Landwirts- bzw. Winzerfamilien machen etwa die Hälfte der Auszubildenden aus, im agrarwissenschaftlichen Gymnasium liegt der Anteil bei zirka 30 Prozent, rund ein Drittel davon Frauen. Deutlich zunehmend ist die Zahl der „Zusteiger”, also Schüler mit Hochschulreife oder einer abgeschlossenen Erstausbildung.
 
Wie haben sich die Schülerzahlen verändert und welche Auswirkungen hat das auf den Schulbetrieb?
 
Zwischen 2002 und 2004 gab es nur wenige Auszubildende im Beruf Landwirt. Derzeit wiederum sind an der Edith-Stein-Schule nur wenige Azubis in Hauswirtschaft und Floristik, trotz Aufgabe des Standortes Lörrach/Schopfheim. Die rückläufige Schülerzahl führt zur Bildung von sogenannten Klappklassen. Außerdem werden die Unterrichtszeiten in Hauswirtschaft von Berufsschultagen zu Blockwochen umstrukturiert. Einen wahren Boom erlebt derzeit die Ausbildung zum Gärtner Fachrichtung Garten- und Landschaftsbau, sodass eine zusätzliche Klasse gebildet wurde.

Die Zahl der Ausbildungsbetriebe ist rückläufig, merkt man das an den
Schülerzahlen?


In der Landwirtschaft haben wir stabile Schülerzahlen. Bei den Winzern kann teilweise keine eigenständige erste Klasse gebildet werden, während im zweiten/dritten Ausbildungsjahr aufgrund der Zusteiger immer wieder zwei Klassen notwendig sind. Hier ist auch der Trend zur Weiterbildung recht hoch. Auch eine Zweitausbildung im Winzerberuf, z. B. kaufmännisch, ist gefragt. Die Schule berät Azubis gezielt zu Fach-, Techniker- und Hochschule und verfügt über gute, direkte Kontakte zu allen Einrichtungen.
 
Thema Strukturwandel: Welche Perspektiven haben Jungwinzer/Junglandwirte?

Winzer finden im Anschluss an die Ausbildung gut eine Anstellung, Fachkräfte werden gesucht. Auch Spezialisten wie Sommeliers und Vermarktungsprofis sind gefragt.