Nachrichten | 04. September 2020

Ein unkompliziertes Jahr

Von Walter Eberenz
Interview zum Lesebeginn 2020 mit Christian Schätzle, Leiter der Produktion beim Badischen Winzerkeller in Breisach und verantwortlich für die Herbstabwicklung.
Erneut ist der Herbstbeginn frühzeitig. Wie viele Tage sind wir in etwa gegenüber einem Normaljahr voraus?

Schätzle: Mit einem Beginn der Hauptlese zwischen  dem 1. und dem 10. September  liegen wir in der Entwicklung vergleichbar dem Jahr 2018 und in etwa zwei Wochen vor dem langjährigen Mittel.
 
Werden in Baden Normaljahre künftig zu Ausnahmejahren?

Im Zuge des allgemeinen Klimawandels lässt sich schon beobachten, dass innerhalb einer Zehn-Jahres-Periode die Anzahl der warmen, frühen Jahrgänge – also die wahrgenommenen Ausnahmejahre – in ihrer Häufigkeit zunehmen. Angefangen beim ersten Ausnahmejahr 2003 sehen wir mit 2009, 2018 und eben jetzt 2020 das vierte warme Jahr in den letzten 20 Jahren. Bis allerdings die Ausnahme zur Regel wird, vergehen sicherlich noch einige Jahre und Jahrzehnte.

Wie hat sich  der Vegetationsverlauf 2020 gezeigt, auch mit Blick auf Frost, Hagel, Pilzkrankheiten, Esca . . .?

Das Vegetationsjahr 2020 hat sich bislang als recht erfreulich und unkompliziert gezeigt. Bei einem frühen Austrieb und der Rebblüte Ende Mai war der Infektionsdruck von Oidium und Peronospora sehr gering. Auch von Frost und Hagel sind wir dieses Jahr bislang bis auf wenige Gemarkungen erfreulicherweise verschont geblieben. Aber genau diese sehr regional aufgetretenen Naturereignisse zeigen einmal mehr, wie unterschiedlich die Bedingungen, auch im Hinblick auf Niederschläge, ausfallen können.

Trockenheit ist in der Landwirtschaft 2020 erneut ein gravierendes Problem. Wie kommen die Reben damit zurecht – wie steht es um ihre Wasserversorgung? Gibt es regionale Unterschiede in Baden?

In der Tat ist auch 2020 ein Jahr, in dem eine teilweise erhebliche Trockenheit aufgrund unterdurchschnittlicher Niederschläge während der Vegetationsperiode zu beobachten war. Bekanntermaßen leiden Junganlagen aufgrund ihres noch nicht so tiefgründigen Wurzelwerks darunter stärker als ältere Weinberge. Allerdings lässt sich in diesen älteren Rebbeständen Esca, bei der Trockenheit eine  mögliche Ursache  ist, in den letzten Jahren deutlich verstärkt beobachten. Ausfallraten in Form von abgestorbenen Rebstöcken von acht bis zwölf Prozent sind keine Seltenheit und stellen ein erhebliches Problem für den Weinbau dar. Hier sind alle Forschungseinrichtungen gefordert, dem Weinbau Lösungen an die Hand zu geben.

Der Badische Weinbauverband hat auch für den kommenden Jahrgang die Säuerung von Most und Wein für alle Rebsorten beantragt. Wird diese Vorgehensweise unter den Vorzeichen des Klimawandels zu einem jährlichen Automatismus?

Die Säuerung dient ja gerade in warmen Jahrgängen dazu, die durch die vielen Sonnenstunden in den Beeren abgebaute Säure im Most und Wein wieder zugeben zu dürfen, um frische und trinkfreudige Weine ausbauen zu können. Daneben dient die Säuerung aber auch dazu, über das pH-Management die Mikrobiologie des Weines zu verbessern oder die Farbe beim Rotwein zu stabilisieren. Aus Sicht der Oenologie ist daher die Säuerung grundsätzlich zu befürworten. Aus Gründen der Planungssicherheit für die Weinbaubranche wäre daher im Zuge des Klimawandels eine dauerhafte Lösung einem jährlichen Automatismus eindeutig vorzuziehen.

Ihre Prognose zum Redaktionsschluss dieses Heftes gegen Ende August: Wie verspricht der Jahrgang 2020 in Menge und Qualität zu werden? Inwieweit kommt er Ihren Vorstellungen für einen Wunschherbst nahe?

Die Voraussetzungen für einen qualitativ vielversprechenden Jahrgang sind auf jeden Fall gegeben: gesunde Rebbestände, ein recht gleichmäßiges Rebenwachstum im Sommer und vor allem die immer wieder mal kühleren Nächte, die für eine schöne Aromaausprägung in den Beeren sorgen. Die Erntemenge kann jetzt vor allem noch durch Niederschläge beeinflusst werden, vieles deutet derzeit aber auf keinen extrem großen und damit marktkonformen Jahrgang hin. Meinen Vorstellungen für einen Wunschherbst kommt das Jahr 2020 dann nahe, wenn es während der Ernte ohne größere Niederschlagsereignisse sowie innerhalb der gesamten Weinbranche ohne Corona-Zwischenfälle bleibt und wir uns in zehn  Jahren immer noch über einen gelungenen 2020er Jahrgang freuen können.