Nachrichten | 06. Juni 2019

Wir sind im langjährigen Durchschnitt

Von Walter Eberenz
Wie ist der Stand der Rebenentwicklung in diesem Jahr? Darüber sprachen wir mit Ernst Weinmann, Referatsleiter Weinbau und Versuchswesen beim Staatlichen Weinbauinstitut Freiburg.
Im Vorjahr zur etwa selben Zeit waren die Reben Frühstarter. Sind sie in diesem Jahr spät dran oder haben wir im langjährigen Vergleich einfach mal wieder ein Normaljahr?

Ernst Weinmann ist Referatsleiter Weinbau und Versuchswesen beim Staatlichen Weinbauinstitut Freiburg.
Zum Zeitpunkt des Austriebs gab es keine großen Unterschiede zwischen den Jahren 2018 und 2019. Die Temperaturen im März und April 2018 waren 3,5 °C und 2 °C über dem langjährigen Durchschnitt. Das führte dann zu einer sprunghaften Entwicklung, die dann bei den Heftarbeiten alle Kapazitäten aufsaugte. In diesem Jahr waren die Durchschnittstemperaturen im Februar und März 2,5 °C und 1,5 °C höher als im langjährigen Durchschnitt. Das führte zu einem vom Zeitpunkt mit dem Jahr 2018 vergleichbaren Austrieb.
Ende Mai sah die Welt dann ganz anders aus. Der April lag  0,8 °C und der Mai  4 °C unter dem langjährigen Durchschnitt. Die Rebenentwicklung kam aufgrund dieser Temperaturen nach dem Austrieb bis in die letzte Mai-Dekade kaum voran. Mit dem Ergebnis, dass wir in diesem Jahr Ende Mai etwa zwei Wochen hinter dem Vorjahr zurückliegen. Bezüglich der Rebenentwicklung sind die beiden Jahre Ende Mai also nicht miteinander vergleichbar. Das ist gut so! Der Entwicklungsstand entspricht im Jahr 2019 damit dem langjährigen Durchschnitt.
Große Sorge hat uns in diesem Jahr die Gefahr von Spätfrösten gemacht. So lagen die Nachttemperaturen in zwei Meter Höhe zwischen dem 4. und 7. Mai in Freiburg nur knapp über null Grad. Vereinzelt hat es in Talsenken auch Frostschäden gegeben, diese haben aber auf den möglichen Gesamtertrag keine Auswirkungen. In den nächsten Jahren könnte das aber zu einem zunehmenden Problem werden.
 
Gibt es in Baden regionale Unterschiede bei der Entwicklung der Reben und wenn ja, wo und warum?

Die Entwicklung der Reben ist regional unterschiedlich. So liegt sie am Bodensee und in Tauberfranken gegenüber den Bereichen in der Rheinebene etwas zurück. Aber auch innerhalb der Weinbaubereiche sind Unterschiede festzustellen. So sind die mittleren Lagen im Vergleich zu den guten und sehr guten Lagen etwas zurück.
 
Es hat ja in den vergangenen Wochen ordentlich geregnet. Heißt das auch Entwarnung, was den Stand der Bodenwasservorräte angeht?

Die Niederschläge haben zu einer kurz- und mittelfristigen Entspannung geführt. Die Böden sind jetzt bis in eine Tiefe von einem Meter feucht. Nicht mehr und nicht weniger. Das Niederschlagsdefizit aus dem letzten Jahr betrug gegenüber dem langjährigen Mittel 25 Prozent. In diesem Jahr liegen die Niederschlagswerte trotz der ergiebigen Niederschläge von Mitte bis Ende Mai nur im normalen Bereich. Bezüglich der Bodenwasservorräte kann von einer Entspannung also keine Rede sein.
Das heißt, die Ausgangssituation in diesem Jahr lässt sich mit dem letzten Jahr nicht vergleichen. Noch eindrücklicher wird das, wenn man die Niederschlagswerte von September 2017 bis Mai 2018 mit rund 870 mm betrachtet. Durch die Winterniederschläge waren die Grund- und Bodenwasservorräte im Mai 2018 gut aufgefüllt. Die Niederschlagswerte von September 2018 bis Mai 2019 mit rund 510 mm liegen rund 40 Prozent darunter. Wir werden die weitere Entwicklung  im Auge behalten müssen.

Mancherorts soll man den Reben die Dürre des Vorjahres ansehen. Welche Hinweise haben Sie darauf?

Auf wasserdurchlässigen, flachgründigen Standorten, die im letzten Jahr nicht ausreichend bewässert werden konnten, haben die Reben sicherlich gelitten. Das hat in diesem Jahr Auswirkungen auf die Vitalität des Rebstocks. Diese Reben sollten in diesem Jahr intensiv beobachtet werden. Gegebenenfalls muss in solchen Fällen die Rebe entlastet werden. Hier geht sicherlich Stockerhalt vor Ertrag.
 
Kann man anhand des augenblicklichen Vegetationsstandes in den Reben schon auf den Gescheinsansatz schließen?

Je nach Güte der Lage sind die Gescheine derzeit unterschiedlich entwickelt. Es ist aber festzustellen, dass durchschnittlich über zwei Gescheine pro Trieb zu erkennen sind. Das lässt erst einmal eine durchschnittliche Menge erwarten. Genauere Einschätzungen sind aber erst im Verlauf nach der Rebenblüte zu treffen. Die Rebenblüte wird in diesem Jahr im Vergleich zu den letzten Jahren später sein. Das lässt dann auf einen Herbst hoffen, der bezüglich des Zeitpunkts auch seinen Namen verdient.