Nachrichten | 05. September 2019

Baden braucht die Großen und die Kleinen

Von Walter Eberenz
Wolfgang Riesterer ist seit Jahresbeginn Geschäftsführer der Wieslocher Winzergenossenschaft „Winzer von Baden”. Wir sprachen mit ihm über den Herbst 2019 und die Herausforderungen seines Amtes.
Wolfgang Riesterer, Geschäftsführer der Wieslocher Winzergenossenschaft „Winzer von Baden”
Wie kündigt sich bei Ihren Mitgliedswinzern der Herbst an in Menge und Qualität, Stand 26. August?

Wir hatten jetzt doch an dem ein oder anderen Ort mit sehr trockenen Weinbergen zu tun und daher auch Trockenstress. Das hat dazu geführt, dass hier und da etwas aus der Selektion herausgenommen werden musste. Zwischendurch hat es auch wieder geregnet, so dass wir wieder etwas auffangen konnten. Sonnenbrand gab es insbesondere beim Riesling. Riesling wird es dieses Jahr deswegen weniger geben. Stand heute, 26. August, gehen wir insgesamt von einem Durchschnittsherbst aus, gemessen an den vergangenen Jahren. Diesen fulminanten Herbst, wie wir ihn im Vorjahr hatten, wird es bei uns also dieses Jahr nicht geben.

Meinen Sie damit Menge und Qualität?

Insbesondere meine ich dabei die Menge. Bei der Qualität gehen wir in eine ähnliche Richtung wie im Vorjahr; wenngleich wir dieses Jahr etwas mehr Frische haben werden.

Herr Riesterer, man kommt nicht umhin, auf Sie persönlich zu sprechen zu kommen. Seit rund acht Monaten führen Sie die Geschäfte der „Winzer von Baden”. Wie lautet denn Ihre persönliche Zwischenbilanz?

Die Herausforderungen sind nicht kleiner geworden. Die größte Herausforderung ist mit Sicherheit, die Geschäfte zu führen, alles am Laufen zu halten und nebenher die Planung und Durchführung der Baumaßnahmen – Abfüllung – zu begleiten. Das ist doch ein erheblicher Aufwand und eine große Herausforderung für uns. Die Arbeit wird mir somit die nächsten zwei Jahre nicht ausgehen.

Haben Sie es denn so erwartet?

Nein. Dass die Herausforderung eine große ist, das war mir klar. Aber man unterschätzt doch manches am Anfang. Ich hätte auf der anderen Seite auch Wahrsager sein müssen, um das alles vorab quantifizieren zu können. Aber ich fühle mich frisch genug und ich fühle mich der Sache gewachsen. Ich bin jemand, der stets mit seinen Herausforderungen gewachsen ist. Offensichtlich muss ich im Moment dann doch noch mal eine Schippe drauflegen, aber ja  – warum nicht?

Das hört sich ja vorausschauend optimistisch an. Welche Trümpfe hat denn die Genossenschaft, auf die Sie weiterhin setzen wollen?

Wir sind hier regional sehr stark verknüpft und verankert. Das heißt, wir haben die Möglichkeit, dass wir uns vor Ort auch noch eindeutiger platzieren können. Wir können unser Profil vor Ort noch stärker schärfen. Das wird nicht mit einer Hauruck-Aktion vorangehen, sondern das ist ein stetiges daran Arbeiten. Darüber hinaus werden wir uns auch überregional deutlich engagieren, was wir in der Vergangenheit sehr wenig betrieben haben. Da haben wir auch noch deutlich Luft nach oben. Das kann auch ein Stück weit Zukunftsperspektive sein.

Anspruchsvolle Baustellen – gibt es weitere?

Wir haben natürlich im Bereich der Außenwirkung und des Marketings noch eine Herkulesaufgabe zu bewältigen. Die Umfirmierung von „Winzerkeller Wiesloch” in „Winzer von Baden” ist zwar realisiert. Aber bis das schlussendlich überall angekommen und mit Leben erfüllt ist, gibt es noch einiges zu tun. Das geht auch nicht in ein bis zwei Jahren, sondern ist ein mittelfristiges Projekt.  
Wenngleich wir als „Winzer von Baden eG” immer noch für die Wieslocher, für die Kurpfälzer, für die Nordbadener der Winzerkeller in Wiesloch sind. Das ist auch ganz wichtig, denn wir sind und bleiben ein Winzerkeller und wir werden immer in Wiesloch bleiben. Das zeigt schon allein die Zukunftsinvestition, die wir mit der neuen Abfüllanlage und  dem darunter liegenden Keller tätigen. Das ist ein klares Zeichen für den Standort, für die Zukunft, für die grundlegende Neuaufstellung in verschiedenen Bereichen des Hauses.
Wir haben tolle Qualitäten, aber wir haben noch nicht vermocht, das dem Verbraucher so rüberzubringen, dass er das gebührend wertschätzt. Daran muss man arbeiten. Das gilt für uns und Baden insgesamt.

Wo sehen Sie mittel- bis langfristig die Zukunft der genossenschaftlichen Weinwirtschaft  in Baden?

Über uns schwebt ja im Moment das Damoklesschwert der Umbenennung im Weinbezeichnungsrecht. Wir müssen das für uns so steuern, dass wir unsere Identität  in dem vorgegebenen Rahmen nach wie vor sehen und ausdrücken können auf dem Etikett. Das wird das Wichtigste sein. Der politische Wille ist das eine. Aber Politiker sind unsere gewählten Volksvertreter. Und denen müssen wir am Ende des Tages dann auch übermitteln, was wir für richtig halten. In diesem Prozess sind wir drin, da sind wir gefordert.
Grundsätzlich braucht die Weinwirtschaft Badens die großen Unternehmen und es braucht zahlreiche kleine, die Nischen besetzen – das ist auch gut so. Für den Lebensmitteleinzelhandel braucht es Ansprechpartner, die etwas größer sind. Da geht es auch um Lieferfähigkeit, um Verlässlichkeit. Der eine oder andere Große wird sicher noch größer und mancher Kleine etwas wachsen oder neu entstehen. Aber noch einmal: Es braucht Kleine und es braucht Große.

Und wie steht es um den Strukturwandel bei den Winzern?

Bei uns ist es momentan so: Wenn ein kleiner Hobbywinzer, Wochenend-Winzer, ein Winzer, der ein Rentnerstückle hatte, aufhört, will in der Regel im Ort ein Junger die Fläche übernehmen, weil es für ihn so passt. Das passt so auch für uns.