Nachrichten | 07. Juni 2017

Ist der Ökoweinbau noch zu retten?

Von Daniel Haupt
Das Verbot von Kaliumphosphonat und die Ausbringungsregelung für Kupfer bringen für den Ökoweinbau große Schwierigkeiten. PiWis sollen in Baden-Württemberg künftig mehr Beachtung finden.
Unter dem Motto „Ist der Ökoweinbau in Baden-Württemberg noch zu retten?” stand  eine gemeinsam von den Arbeitskreisen Ländlicher Raum und Verbraucherschutz der Grünen und der CDU organisierten Anhörung im baden-württembergischen Landtag Anfang Mai. Die Landtagsabgeordneten Reinhold Pix von Bündnis 90/Die Grünen und Dr. Patrick Rapp von der CDU führten aus, dass der Ökoweinbau nördlich der Alpen in einer Krise stecke.
Aufgrund der feuchten und warmen Witterung und der seit 2013 durch die EU verbotenen Bekämpfungsmaßnahmen mit Phosphonaten sei es 2016 zu dramatischen Ernteausfällen besonders durch den Falschen Mehltau gekommen. Das habe viele Biowinzer in Existenzängste gebracht. In Deutschland sei derzeit nur die Ausbringung von drei Kilogramm Kupfer pro Hektar und Jahr (in Ausnahmen vier Kilogramm) erlaubt. „Wir wollen dem Ökoweinbau den Rücken stärken und verhindern, dass diese Betriebe angesichts des europäischen Verdrängungswettbewerbes weiter zurückfallen”, so Pix und Rapp kämpferisch.
Baden-Württemberg liegt im Ökoweinbau hinten
Dr. Konrad Rühl, Referatsleiter Garten-, Obst- und Weinbau im baden-württembergischen Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz, lieferte wichtige Daten zur aktuellen Situation im Ökoweinbau. Die rund 200 Öko-Winzer im Land bewirtschaften eine Rebfläche von 1200 Hektar, was fünf Prozent Anteil an der Gesamtrebfläche ausmacht. Im Nachbarland Rheinland-Pfalz sind es 420 Betriebe mit 5600 ha Ökorebfläche – ein Anteil von acht Prozent.
In Deutschland ist die Ökorebfläche von gut 2000 ha im Jahr 2004 auf nun 8100 ha gestiegen (Ökoanteil: acht Prozent). Damit liegt Deutschland europaweit deutlich hinter Spanien mit knapp 97.000 ha (Ökoanteil 10,1 %), Italien mit knapp 84.000 ha (Ökoanteil 11,9 %) und Frankreich mit rund 68.500 ha (Ökoanteil 8,7 %).
Dr. Rühl stellte auch die in Deutschland unterschiedliche Förderung des Ökoweinbaus dar: Während in Baden-Württemberg die Umstellung auf Ökoweinbau mit 1275 Euro je Hektar und die Beibehaltung mit 750 Euro/ha gefördert wird, sind es in Rheinland- Pfalz 900 Euro/ha (Beibehaltung 580 Euro/ha), in Bayern 1250 Euro/ ha (Beibehaltung 975 Euro/ha) und in Hessen jedes Jahr 750 Euro/ha.
Keine wirksame Alternative zu Kaliumphosphonat
Diskutierten in Stuttgart über die Chancen im Ökoweinbau (von links): Dr. Konrad Rühl, Matthias Wolf, Reinhold Pix, Peter Wohlfarth, Dr. Patrick Rapp und Paulin Köpfer.
Probleme sieht der Referatsleiter beim Rebschutz durch die fehlende Zulassung von Kaliumphosphonat, alternative wirksame Stoffe stünden mittelfristig nicht zur Verfügung. Zudem sei bislang die Kupfereinsatzmenge auf drei Kilogramm pro Hektar und Jahr grundsätzlich begrenzt (im Ausnahmefall vier Kilogramm). Die Agrarministerkonferenz habe Ende März 2017 gefordert, ein Kupferkonto von 20 Kilogramm in fünf Jahren einzuführen.
Zu 70 Prozent seien Ökoweinbaubetriebe im Land Weingüter, die in der Vermarktung mit hoch mechanisierten Betrieben konkurrieren müssten. Zwar falle die Erntemenge bei Ökoweinbaubetrieben im Vergleich zu konventionellen Betrieben wesentlich niedriger aus, dagegen würden aber auch deutlich höhere Erlöspreise erzielt. „Eine weitere Chance in der Vermarktung sehe ich im Potenzial der pilzwiderstandsfähigen Rebsorten (PiWi)”, so  Rühl. Derzeit werde noch geprüft, ob die Rückumstellungsfristen auf konventionellen Weinbau verkürzt werden können.
Der Vorsitzende des Ecovin-Regionalverbandes Baden, Paulin Köpfer, wies auf die wachsende Bedeutung des Bioweinbaus hin und kritisierte die Verantwortlichen in Berlin und Brüssel, die trotz aller Bemühungen der Verbände am völligen Verbot von Kaliumphosphonat und an der auf drei Kilogramm begrenzten Ausbringungsmenge an Kupfer 2016 festgehalten hätten. „Wir fühlen uns zermahlen von der Bürokratie, die unsere Lösungsvorschläge nicht akzeptiert hat”, so Köpfer, der eine Produktionssicherheit im Bioweinbau ohne Phosphonate und bei der geltenden Kupferregelung für unmöglich hält.
Verstärkter Einsatz von PiWis
Der Geschäftsführer des Badischen Weinbauverbandes, Peter Wohlfarth, der auch für den Weinbauverband Württemberg sprach, widersprach Köpfer bezüglich der Expansion des Bioweinbaus. Er sehe dort allenfalls eine Stagnation. Wohlfarth zeigte sich enttäuscht von Brüssel und bezeichnete die dortige Meinung als weltfremd.
„Es ist eine Wettbewerbsverzerrung in der EU entstanden, die rein marktpolitisch begründet ist und nicht umweltpolitisch”, kritisierte der Weinbauverbands-Geschäftsführer. Einig mit Köpfer ist er in der Frage, Kaliumphosphonat wieder zuzulassen sowie die Kupferausbringung beizubehalten.
Matthias Wolff vom Beratungsdienst ökologischer Weinbau des Staatlichen Weinbauinstituts in Freiburg legte sich fest: „Auf die Frage ‚Ist der Ökoweinbau im Land zu retten?‘ sage ich Ja!” Er blickte auf die Bioweinbau-Regelungen der 1980er- und 1990er-Jahre zurück und meinte, dass die damaligen völlig anderen Erfahrungen erst gemacht werden mussten, aber heute nicht mehr anwendbar seien.
neues Feld
Die Herausforderung seien nun eine offenbar virulenter gewordene Peronospora, die Klimaveränderung und möglicherweise anfälligere Rebsorten. Daher setzt der Experte künftig stärker auf PiWis und punktgenaues Arbeiten im Ökoweinbau. Köpfer forderte eine Wiederzulassung der Phosphonate und auch eine Erhöhung der Ausbringungsmenge von Kupfer auf sechs Kilogramm pro Hektar und Jahr wie in anderen EU-Ländern auch. 
In der Diskussion stellte Pix die Frage, ob Ökoweinbaubetriebe auf Umstellungsprämien verzichten würden, wenn einige Pflanzenschutzmittel zugelassen würden. Er sprach sich für eine Ausnahmegenehmigung bezüglich der Wiederzulassung von Kaliumphosphonat aus. Dieser Weg sei aus seiner Sicht besser, als die Ausbringungsmenge des Schwermetalls Kupfer zu erhöhen.
Rapp schlug den verstärkten Einsatz von „Precision Farming” im Ökoweinbau vor, um punktgenau arbeiten zu können. Im Rahmen des Agrarinvestitions-Förderungsprogramms könnte eine Förderung geprüft werden.