Fachliches | 17. Mai 2021

Hilfe für die Weinbaupraxis

Von Markus Ullrich, LTZ Augustenberg, Dienstort: WBI Freiburg
Die Gesetzesnovelle zur Stärkung der Biodiversität verlangt entsprechende Anpassungen in der Weinbaupraxis. In einem neuen Netzwerk gelistete Demonstrationsbetriebe sollen praxistaugliche Beipiele zur Reduktion von chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmitteln aufzeigen und Ergebisse liefern.
Mit diesem Leitspruch sammelt das Netzwerk praxistaugliche Ergebnisse.
Das Netzwerk dient zur Suche und Prüfung praxistauglicher Reduktionspotentiale für den Einsatz von chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmitteln. Die Ergebnisse des Netzwerks werden insbesondere über Veranstaltungen und Wissenstransfer an die Winzerinnen und Winzer weitergegeben.
Um die Biodiversität zu stärken und die Lebensbedingungen für Insekten in Baden-Württemberg zu verbessern, wurden das Naturschutzgesetz (NatSchG) und das Landwirtschafts- und Landeskulturgesetz (LLG) entsprechend geändert und vom Landtag mit Inkrafttreten am 31. Juli 2020 beschlossen.
Neben dem Ziel der Reduktion des Einsatzes chemisch-synthetischer Pflanzenschutzmittel und dem Ausbau des ökologischen Landbaus bis zum Jahr 2030 soll der integrierte Pflanzenschutz im Land kontinuierlich weiterentwickelt und insbesondere in den Schutzgebieten verpflichtend umgesetzt werden. Um diese Vorgaben unter Einbezug von Wissenschaft, Praxis und Verwaltung weiterzuentwickeln und die Reduktion des Einsatzes von Pflanzenschutzmitteln auf der gesamten landwirtschaftlichen Fläche in Baden-Württemberg voranzubringen, wurden Arbeitsgruppen gebildet.
Demonstrationsbetriebsnetz
Mohn und Färberweid sorgen für Diversität im Weinberg.
Neben der Errichtung eines Demonstrationsbetriebsnetzes ermittelt das zuständige Ministerium jährlich den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln anhand der Daten eines repräsentativen Betriebsmessnetzes in der Landwirtschaft sowie durch Datenerhebungen für die Bereiche Forst, Haus- und Kleingarten, öffentliche Grünflächen und Verkehr. Die Auswahl der „Messbetriebe” erfolgt durch die Berufsverbände und die Daten werden anonymisiert ausgewertet.
Zur Etablierung von praxistauglichen Maßnahmen zur Reduktion von Pflanzenschutzmitteln wird in Baden-Württemberg aktuell ein Netz von Demonstrationsbetrieben aufgebaut. In diesen Betrieben sollen in den kommenden Jahren Versuche aus der Wissenschaft mit den Erfahrungen der Praxis kombiniert und auf ihre Praxistauglichkeit untersucht werden. Die Struktur des Netzwerkes umfasst 22 Betriebe im Ackerbau sowie jeweils sechs Demobetriebe im Wein- und Obstbau  (Abb. 1).
Koordiniert wird das Demonstrationsbetriebsnetzwerk Pflanzenschutzmittelreduktion vom Landwirtschaftlichen Technologiezentrum Augustenberg (LTZ) in Karlsruhe. Der Dienstsitz des Betreuers für den Bereich Weinbau ist am Staatlichen Weinbauinstitut (WBI) in Freiburg. Somit besteht eine direkte Anbindung an die Forschung. Dies sichert die weinbauwissenschaftlich fundierte Betreuung der Versuche. 
Betriebsauswahl
Um einen repräsentativen Querschnitt durch den Weinbau zu erhalten, wurden bei der Betriebsauswahl die jeweils größten Anbauregionen in Baden und in Württemberg berücksichtigt. Für Baden sind es die Weinbaubereiche Kaiserstuhl (4242 ha), Markgräflerland (3176 ha) und Ortenau (2785 ha). In Württemberg gibt es aufgrund der Größe der Region Württembergisch-Unterland (9138 ha) zwei und in der Region Remstal-Stuttgart einen Betrieb (Abb. 2).
Die Ziele und Aufgaben des Betriebsnetzwerkes sind sehr vielseitig ausgerichtet. Diese sind unter anderem:
  • Erfolgreicher Wissenstransfer in die landwirtschaftliche Praxis,
  • Entwicklung und Erprobung von praxistauglichen Maßnahmen (gemeinsam mit den Betriebsleitungen) zur Reduktion des Einsatzes von Pflanzenschutzmitteln,
  • Identifikation von Hemmnissen sowie, falls möglich, Herausarbeiten von Lösungen in enger Zusammenarbeit von Betrieben, Beratung und Versuchswesen,
  • Plattform für Diskussion, Wissenstransfer und Erfahrungsaustausch von Landwirtinnen und Landwirten untereinander. 
Gute fachliche Praxis bildet die Grundlage
Das Netzwerk aus insgesamt 34 Demonstrationsbetrieben wird vom LTZ Augustenberg in Karlsruhe koordiniert.
Die Reduktion von chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmitteln wird durch unterschiedliche Ansätze und Maßnahmen angestrebt. Grundlage hierfür bilden die gute fachliche Praxis sowie die Grundsätze des integrierten Pflanzenschutzes im Weinbau. Diese beinhalten Maßnahmen wie beispielsweise die Risikoanalyse mittels Prognosesystemen, die Anpassung der direkten Pflanzenschutzmaßnahmen, die Nutzung von weniger umweltrelevanten Pflanzenschutzmitteln des ökologischen Landbaus in der Spritzfolge oder auch die Anpflanzung von pilzwiderstandsfähigen Rebsorten. Daneben spielt die Schaffung eines insektenfreundlichen Weinbergs durch Förderung der Biodiversität eine zentrale Rolle.
Zur Bewertung der Maßnahmen werden neben dem Reduktionspotential auch die betriebswirtschaftlichen Auswirkungen betrachtet. 
Projektstart
Aktuell befindet sich das Projekt in der Startphase. Die Demobetriebe wurden festgelegt und  für jeden einzelnen ein eigenes Konzept erarbeitet. Durch die vielfältigen Strukturen der Einzelbetriebe werden dort individuelle Schwerpunkte ausgemacht und auch betriebsübergreifende Versuche durchgeführt. Die Konzepte werden in Zusammenarbeit mit den Betriebsleitern sowie der örtlichen Weinbauberatung erarbeitet. Folgende Versuchsansätze sind in Planung:
  • Gute Integration von biologischen Pflanzenschutzmitteln in eine integrierte Spritzfolge,
  • Durchführung der Abschlussbehandlung nur auf dem oberen Teil der Laubwandfläche,
  • Pflanzenschutzalternativen im Steilhang,
  • Reduktionspotential von technischen Hilfsmitteln wie Spritzcomputer und automatischer Teilbreitenschaltung,
  • abdriftmindernde Applikationstechnik sowie optimierte Einstellung der Geräte,
  • herbizidfreie Unterstockbearbeitung,
  • Etablierung von pilzwiderstandsfähigen Rebsorten,
  • konsequenter Einsatz und Weiterentwicklung von Prognosemodellen.
Die Erfahrungen und Ergebnisse werden auf Infoveranstaltungen in Form von Fachbeiträgen, Feldtagen oder Seminaren mit den Winzern geteilt. Ebenso soll auch die Öffentlichkeit die Möglichkeit erhalten, den Pflanzenschutz im Weinbau besser kennenzulernen.