Nachrichten | 02. Oktober 2020

Marktstrategie gesucht

Von Hans Hörl
Um Chancen für pilzwiderstandsfähige Rebsorten (Piwi) in der Produktion und auf dem Weinmarkt drehte sich ein Vor-Ort-Termin auf dem Schill-Hof in March-Buchheim mit Landwirtschafts-Staatssekretärin Friedlinde Gurr-Hirsch.
Diskutierten in March-Buchheim (von links): Werner Räpple (BLHV), Ernst Weinmann (WBI), Friedbert Schill (Schill-Hof), Dr. Rolf Steiner (WBI), Vera Wiedemann (Weingut Kiefer/Schmidt in Eichstetten) und Friedlinde Gurr-Hirsch (MLR).
Wo stehen wir? Wie sind die Weine, wie reagieren die Verbraucher? Das Klima hat sich geändert. Die Weine sind stabiler. Der Weinkonsum ist nicht mehr fokussiert auf die Sorte”: Diese Standortbestimmung nahm vor kurzem Staatssekretärin Friedlinde Gurr-Hirsch vom Ministerium für Ländlichen Raum auf dem Schill-Hof in March-Buchheim (Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald) vor. Hier informierte sie sich über pilzwiderstandsfähige Rebsorten (Piwi). Sie wolle Impulse geben, den Weg zu Piwi weiterzugehen.
371 Hektar in Baden Nötig sei allerdings die Nachfrage auf dem Markt. Denn bislang wachsen in Baden ihr zufolge gerade einmal auf 371 Hektar  von  insgesamt rund 15000 Hektar Anbaufläche Piwi-Reben.
 Es gebe Anzeichen für eine wachsende Wertschätzung landwirtschaftlicher Produkte. „Wer hochwertiges Fleisch kauft, kann auch einen hochwertigen Wein kaufen”, meinte sie. Piwi böten mehr, als man erwartet hätte. Ernst Weinmann, Referatsleiter Weinbau und Versuchswesen beim Staatlichen Weinbauinstitut Freiburg, bestätigte: „Es gibt mittlerweile neue Zuchtstämme, die gegen Oidium resistent sind.” Auch für Steillagen könnten  Piwi-Sorten eine Alternative sein.
Junge Kunden interessiert die Sorte weniger
Ramon Schill, auf dem Schill-Hof für sechs Hektar zuständig, erklärte, seit zehn Jahren nehme man alle Neuanpflanzungen mit Piwi, überwiegend weißen Sorten, vor. Diese hätten mittlerweile einen Anteil von mehr als der Hälfte der Rebfläche.   
Dr. Rolf Steiner, Leiter des Weinbauinstituts, bestätigte ein Interesse junger Käufer, vor allem im Ausland, an Wein aus den pilzwiderstandsfähigen Rebsorten. Ramon Schill zufolge interessiert junge Kunden die Sorte weniger.
Werner Räpple, Präsident des Badischen Landwirtschaftlichen Hauptverbandes (BLHV),  mahnte zur Vorsicht: „Wir haben immer wieder Neues probiert und sind immer wieder beim Alten gelandet – ob bei den klassischen Neuzüchtungen oder bei den Erziehungssystemen.” Er gab zu bedenken: „Wir brauchen eine Strategie für den Verkauf. Cuvées sind interessant, haben sich aber nirgends richtig durchgesetzt.” Für Köpfer ist entscheidend, dass der Verbraucher nach Piwi frage und Kaufargumente wie der geringe Einsatz von Pflanzenschutzmitteln kommuniziert werden. Er schlug eine konzertierte Aktion für die Verbraucher vor. Weinmann hieb in die gleiche Kerbe: „Ein erster Schritt könnte sein, sich über Sekt oder Perlwein anzunähern; man kann auch mal ein Fässle Wein ausbauen, um die Sorten kennenzulernen.” 
Fixierung auf die Sorte engt ein
„Die Fixierung auf die Sorte engt uns ein”, stellte Paulin Köpfer vom Weingut Zähringer in Heitersheim fest. Piwi seien im Ausland ein Begriff. „Mit Cuvées kann man attraktivere Weine gestalten. Ökologische und konventionelle Produktion dürfen beim Wein nicht gegeneinander ausgespielt werden. Wenn wir in Baden zehn Prozent Piwi-Anteil erreichen, bedeutet das eine Reduktion von Pflanzenschutzmitteln um 30 Prozent – da haben wir ein Ziel.  Umweltmäßig können wir mit Piwi  Gutes tun, aber dazu brauchen wir den Konsumenten.”
Räpple fürchtet, die Deutschen legten Wert darauf, die Sorte zu wissen. Ein Weg wäre, Cuvées zu entwickeln. Nicht jeder Betrieb solle mit einer individuellen Bezeichnung seiner Weine kommen. „Man muss etwas bringen, was marktgängig ist. Piwi-Sorten sind für alle gangbar”, meinte er.
Steiner wies darauf hin, es solle am Weinbauinstitut eine Projektstelle geschaffen werden, um Piwi marktfähig zu machen und zu zeigen, dass Typweine mit neuen Sorten möglich seien. Die Weine, die vom Normalen am weitesten entfernt seien, liefen am besten. So laufe Bacat bei Edeka und anderen ohne besondere Vermarktungsaktivitäten. Der Wein müsse den Verbrauchern schmecken, sonst werde er nicht gekauft. In der Steiermark komme zum Beispiel Muscaris als Secco gut an.
Am Ende appellierte Gastgeber Friedbert Schill, der auch Freiburger Kreisvorsitzender des BLHV ist: „Wir müssen das Thema gemeinsam vorwärtsbringen, ob konventionell oder bio – das ist der Schlüssel des Ganzen. Der Geschmack ist entscheidend; dann erst spielt die Eigenschaft ‚Piwi‘ eine Rolle.”