Fachliches | 08. Januar 2019

Rebschnitt: Lieber konventionell oder sanft?

Von Tobias Burtsche, Weinbauberater am Landratsamt Breisgau-Hochschwarzwald
Der jährliche Rebschnitt gehört zu den ersten Stockarbeiten des beginnenden Vegetationsjahres. Der badische Drahtrahmen mit überwiegender Flach- oder Halbbogenerziehung bilden das Grundsystem. Es gibt aber interessante Alternativen.
Beim Kopfschnitt lautet die Regel: Die Fruchtrute im einjährigen Holz sollte man auf dem vom Vorjahr angeschnittenen Zapfen im zweijährigen Holz anschneiden.
Seltener als das Flach- und Halbbogensystem findet sich die Kordonerziehung. In einigen Betrieben wird auch der sanfte Rebschnitt bereits praktiziert. Die Erziehung in Flachbogen bringt große Vorteile hinsichtlich der Heft- und Entblätterungsarbeiten, da die Triebe, startend von der Fruchtrute, gleichmäßig im Drahtrahmen nach oben wachsen.
Dies erleichtert das Heften der Triebe mittels Heftdrahtsystemen - beweglichen Drähte und Heftdrahthaltern. Außerdem hängen die Trauben gleichmäßig verteilt etwa auf gleicher Höhe. Gerade die Entblätterung kann dadurch sehr gut mechanisiert werden.
Beim Rebschnitt sind die fachlichen Anforderungen bei der Flachbogenerziehung relativ hoch, da die Kopfhöhe rund 20 Zentimeter unterhalb des Biegedrahtes über die gesamte Standzeit durch den Rebschnitt kontrolliert werden sollte. Schon beim Ausbrechen der Jungreben im zweiten und dritten Standjahr ist es entscheidend, die Kopfhöhe vorzugeben und einzuhalten. Wenn der Kopf – spätestens im vierten Standjahr – gebildet ist, sollte der Kopfschnitt beim Rebschnitt darauf hinzielen, dass die Fruchtrute nur in Ausnahmefällen auf vorhandene Schenkel im zweijährigen Holz angeschnitten wird.
Die Regel sollte sein, die Fruchtrute im einjährigen Holz auf dem vom Vorjahr angeschnittenen Zapfen im zweijährigen Holz anzuschneiden. Diese Methode verhindert, dass große Wunden am Kopf geschnitten werden müssen.
Optimaler Saftfluss beugt auch ESCA vor
Normalerweise wird überwiegend eine Fruchtrute angeschnitten, um den Anforderungen der Menge-Güte-Gesetze nachzukommen. Welche Augenzahlen sortenbedingt zu empfehlen sind, zeigt die Tabelle. Diese Tabelle erläutert den Zusammenhang zwischen verfügbarem Standraum und anzustrebender Augenzahl.
Weitere Vorteile des Kopfschnitts in Verbindung mit der Flachbogenerziehung ergeben sich beim Biegen der Fruchtruten. Allerdings nur, wenn die optimale Kopfhöhe vorgegeben ist. Bei zu hohem Kopf kann es zu einem zu starken Abknicken der Fruchtruten beim Biegen und eventuell zum Bruch der Fruchtrute kommen.
Durch das Biegen entsteht ein Saftstau, der den Augenaustrieb am Kopf verstärkt. Dadurch wird das Heranwachsen des Zielholzes begünstigt. Durch den Zapfenanschnitt am Kopf kann das Ausbrechen auch Aushilfskräften gut erklärt werden und damit kann das Zielholz für das nächste Jahr und den nächsten Rebschnitt herangezogen werden.
Mit einer gleichmäßigen Verteilung von ein bis zwei Zapfen und der Fruchtrute kann die Saftdurchflutung im Kopf verbessert werden. Dies ist indirekt eine vorbeugende Maßnahme gegen ESCA. Es sollte vermieden werden, dass Teile vom Kopf austrocknen und sich dadurch holzzerstörende Pilze entwickeln können.
Halbbogenerziehung
Wenn zwei kurze Flach- oder Halbbogen angeschnitten werden, kann mittels Vorschneider mehr Altholz aus dem Drahtrahmen herausgeschnitten werden.
Die Erziehung im Halbbogen bringt eine Zeitersparnis beim Rebschnitt. Auch die fachlichen Anforderungen sind geringer als bei der Flachbogenerziehung. Die Kopfhöhe ist variabler, da durch den Halbbogen beim Biegen ein geringeres Bruchrisiko entsteht. Außerdem lässt sich das Rebholz besser aus dem Drahtrahmen herausheben, da gegenüber dem Flachbogen der Halbbogen nicht um den Biegedraht gewickelt wird.
Hinsichtlich der Länge der Fruchtrute können bei geringen Stockabständen mit dem Halbbogen mehr Augen auf den laufenden Meter Drahtrahmen untergebracht werden als beim Flachbogen. Allerdings ist der Aufwand beim Heften und eventuell beim Entblättern höher. Die Entwicklung des Kopfes und das Wachstum des Zielholzes am Kopf wird weniger begünstigt als beim Flachbogen, da beim Biegen kein Saftstau hervorgerufen wird.
Darauf sollte man beim Ausbrechen achten und entsprechende Kopftriebe als Zielholz vorsehen. Insbesondere beim Biegen der Fruchtruten kann hier Zeit eingespart werden, da der Bogen nicht gewickelt wird.
Kordonerziehung
Der Kordon ist nur bei Rebsorten mit guter Fruchtbarkeit an basalen, das heißt unteren Augen zu empfehlen.
Manche Betriebe schneiden zwei kurze Flach- oder Halbbogen an. Dies kann bei ertragsschwachen Klonen wie Grauburgunder Vorteile haben, um das gewünschte Ertragsziel zu erreichen. Außerdem kann hier technisch mittels Vorschneider mehr Altholz aus dem Drahtrahmen herausgeschnitten werden.
Allerdings kostet das Anschneiden und eventuelle Ausputzen von zwei Fruchtruten mehr Arbeitszeit. Auch das Ausbrechen am Kopf erfordert mehr Aufmerksamkeit, damit es nicht zu Laubwandverdichtungen am Kopf kommt.
Der Kordon kann eine alternative Erziehungsform sein. Er ist nur bei Rebsorten mit guter Fruchtbarkeit an basalen, das heißt unteren Augen zu empfehlen, beispielsweise Riesling und Burgundersorten. Weniger günstig ist diese Erziehungsform für die Rebsorten Silvaner, Gewürztraminer, Gutedel und Müller-Thurgau. Andererseits ist es möglich, in Hageljahren mit geschädigtem Zielholz für ein Vegetationsjahr auf Kordon umzustellen.
Arbeitszeitersparnis oder nur Verlagerung?
Die Vorteile des Kordons liegen beim Rebschnitt und Biegen in einer Zeitersparnis von etwa 50 %. Aber wenn man es genau betrachtet, ist es eine Arbeitszeitverlagerung. Denn es wird ungefähr die doppelte Arbeitszeit zum Ausbrechen benötigt gegenüber der herkömmlichen Flach- oder Halbbogenerziehung.
Die für die Burgundersorten günstige Kordonerziehung sollte von einer Flachbogenerziehung ausgehen. Hier sind rund fünf bis sechs Zapfen mit zwei voll entwickelten Augen anzuschneiden. Beim Ausbrechen sind alle an der Triebbasis austreibenden Augen auszubrechen.
Man unterscheidet zwischen mehrjährigem Kordon und Wechselkordon. Beim Wechselkordon wird der Kordonarm jedes dritte Jahr mittels einer neu gebogenen Fruchtrute ersetzt. Hier können aber große Schnittwunden entstehen, die das Infektionsrisiko durch ESCA deutlich steigern.
Die Kordonerziehung kann zukünftig für Riesling und Burgundersorten eine alternative Erziehungsform zur Erzeugung von Basisqualitäten sein. Durch Arbeitszeiteinsparungen beim Holzausheben und Biegen kann der Rebschnitt im Familienbetrieb unter Umständen ohne Aushilfskräfte durchgeführt werden. Dies erfordert aber zu Beginn der Vegetation hinsichtlich des unverzichtbaren Ausbrechens beim Kordon mehr Arbeitskräfte. Außerdem ist die hierfür erforderliche Arbeitszeit einzuplanen.
Sanfter Rebschnitt
Das Vermeiden großer Schnittwunden und die Erhaltung der Saftführung stehen beim sanften Rebschnitt im Vordergrund.
Der sanfte Rebschnitt ist eine Schnittmethode, die von Simonit und Sirch Preparatori dúva aus Italien vor einigen Jahren auch nach Deutschland gekommen ist. Der Schwerpunkt dabei liegt auf dem „wundarmen Rebschnitt” zur Verhinderung großer Schnittwunden am Holz, die als Eintrittspforten für holzzerstörende Pilze wie ESCA oder Eutypa gelten. Aber auch die Erhaltung der Saftführung innerhalb des Holzes wird dabei berücksichtigt.
Wenn man sich näher mit der revolutionären Schnittmethode beschäftigt, dann stellt man fest, dass es im Grunde eine separate Erziehungsform der Rebe insbesondere beim Kopfaufbau darstellt.Wie im Bild zu sehen, soll ein Kopf aufgebaut werden, der sich nach links und rechts entlang des Drahtrahmens entwickeln soll. Beim Schnitt werden nach Möglichkeit jährlich abwechselnd auf der einen Seite eine Fruchtrute und ein längerer Zapfen und auf der anderen Seite nur ein längerer Zapfen geschnitten.
Die Fruchtrute kann entweder als Flachbogen oder Halbbogen erzogen werden. Der wundarme Schnitt und die längeren Zapfen sollen verhindern, dass der Eintrocknungskegel in den Kopf vordringt. Dadurch werden die Saftleitbahnen im Kopf aktiv erhalten und Teilaustrocknungen reduziert.
Man muss mitdenken
Logisch betrachtet kann durch diese Schnittmethode das Eindringen der holzzerstörenden Pilze reduziert werden. Damit ist der sanfte Rebschnitt eine phytosanitäre Maßnahme, um weitere Ausbreitung der ESCA zumindest zu reduzieren oder zu bremsen.
Wenn man den sanften Rebschnitt praktiziert, stellt man schnell fest, dass anfänglich ein starkes Umdenken beim Schneiden stattfindet, um den breiten Kopf aufzubauen. Des Weiteren ergeben sich nachträglich durch die längeren Zapfen mehr Kopftriebe, die beim Ausbrechen einen höheren Aufwand bedeuten. Letztendlich sind im Folgejahr mehr Schnitte pro Rebe notwendig, um die eingetrockneten Zapfen vom Vorjahr abzuschneiden.
Über den sanften Rebschnitt kann im Moment noch kein abschließendes Urteil hinsichtlich seiner positiven pflanzengesundheitlichen Aspekte, also der Reduzierung des Stockausfalls durch holzzerstörende Pilze, gefällt werden. Der hohe wirtschaftliche Schaden durch ESCA und andere Krankheiten fordert die Aufmerksamkeit der Winzer und ihre Offenheit, solche neuen Methoden in der Praxis auszuprobieren.