Nachrichten | 30. September 2020

Auf den Klimawandel reagieren

Von Walter Eberenz
Dr. Rolf Steiner ist Leiter des Staatlichen Weinbauinstituts (WBI) in Freiburg. Wir sprachen mit ihm über das 100-jährige Jubiläum des Weinbauinstituts und die Herausforderungen der Zukunft.
Dr. Rolf Steiner ist Leiter des Staatlichen Weinbauinstituts (WBI) in Freiburg.
Das Staatliche Weinbauinstitut in Freiburg begeht in diesem Jahr sein 100-jähriges Bestehen. In Ihrem Beitrag zum Jubiläum in der aktuellen Print-Ausgabe des Badischen Winzers schreiben Sie, dass es nach wie vor das erklärte Ziel des Weinbauinstituts ist, heute die Fragen der Winzer von übermorgen zu bearbeiten. Was fragen sich die Winzer nach Ihrer Überzeugung übermorgen und wie wollen Sie diese Fragen in Ihrem Institut bearbeiten?


Dieses Jahr hat uns wieder verdeutlicht, dass der Klimawandel aktuell ist. Wie in den Jahren zuvor gab es sehr hohe Temperaturen und ein großes Wasserdefizit. Daher sehe ich es als zentrale Zukunftsaufgabe an, auf den Klimawandel zu reagieren. Bereits seit längerer Zeit beschäftigen wir uns in verschiedenen Disziplinen mit Fragen rund um dieses Thema: Das Prognosesystem VitiMeteo wurde ausgebaut, grundlegend erneuert und gewinnt im Weinbau zunehmend an Wichtigkeit.
Auch in der Züchtung neuer Rebsorten mit Mehrfachresistenzen und lockerbeeriger Klone von Standardrebsorten wird auf die neue Situation Rücksicht genommen. Viele Forschungsprojekte beschäftigen sich mit neuen Schaderregern und Krankheiten. Die Oenologie kämpft mit den Säurewerten im Lesegut, welche zusehends sinken, wohingegen die Oechsle- und damit die Alkohol-Grade steigen. Alle Fachrichtungen sind daher aufgefordert, entsprechende Strategien für die Weinwirtschaft zu entwickeln.
 
Bei einem Jubiläum darf man auch stolz zurückblicken. Was zählen Sie zu Meilensteinen der Institutsarbeit über die Jahrzehnte, die über die Region hinaus Bedeutung erlangt haben?

Höhepunkte des Instituts sind vor allem die Forschung um die Rebenperonospora, die Pheromon-Verwirrungstechnik, Nützlingsforschung, z. B. zu Raubmilben, das Prognosesystem VitiMeteo, das VitiMonitoring, das Säure- und Alkohol-Management ebenso wie die Bemühungen um die Reform der Oechsle-Grade.
Nicht zuletzt ist zu nennen die Züchtung pilzwiderstandsfähiger Rebsorten, z. B.  Johanniter, Cabernet Cortis, Muscaris und Souvignier Gris, und neuer Klone, z. B. beim Spätburgunder der FR 1801 und beim Grauburgunderklon  FR 2003. Ganz neu haben wir den spätreifen Rotwein-Zuchtstamm FR 628-2005, der im Hinblick auf den Klimawandel sehr interessant ist. Von dessen Wein waren die Winzer bei der Präsentation im Rahmen der Winzermesse im November 2019 in Karlsruhe sehr angetan.

Gab es  Forschungsvorhaben, die nicht die ursprünglich erhofften Fortschritte ermöglichen?

Bei unserem Projekt „Esca” erlangten wir nach langer Forschungszeit bisher keine praxisreife Bekämpfungsmethode. Ähnlich ergeht es uns bei Versuchen mit verkürzten Laubwänden. Dort zeigen die Ergebnisse der letzten fünf Jahre, dass man die Reife der Trauben nicht immer verzögern kann. Die Effekte sind sehr stark jahrgangsabhängig.
 
Pilzwiderstandsfähige Rebsorten, eines Ihrer Aushängeschilder in Forschung und Entwicklung, scheinen im Praxisanbau gerade national und international einen Aufschwung zu erfahren. Wie spüren Sie das?

Die Sorten werden mehr nachgefragt. Insbesondere in südeuropäischen Weinbauländern werden verstärkt neue robuste Rebsorten gepflanzt. Das zeigen die Verkaufszahlen der Badischen Rebenpflanzguterzeuger sehr deutlich. Auch Betriebe in Baden können inzwischen größere Mengen Cuvées mit neuen, von Cabernet-Piwis geprägten Geschmacksprofilen vermarkten. Ein Beispiel ist unsere im Staatsweingut Freiburg vermarktete Cuvée „Bacat” in Rot und in Rosé, die im Freiburger Lebensmittelhandel inzwischen ohne Erläuterung angenommen wird, weil der Geschmack überzeugt.

Planen Sie eigentlich noch eine Jubiläumsfeier zum 100-jährigen Bestehen oder müssen Sie hier Corona Tribut zollen?

Das Jubiläum wird am 19. November in deutlich kleinerem Rahmen als vorgesehen und unter konsequenter Einhaltung der Abstandsregeln stattfinden.

Für Sie selbst sind die letzten Monate als Institutsdirektor angebrochen, zum Jahresende gehen Sie in den Ruhestand. Wie prägend waren für Sie die Jahre am WBI mit Blick auf Ihre gesamte berufliche Laufbahn?

Schon als Doktorand fühlte ich mich hier wohl. Über verschiedene Stationen bin ich 2004 schließlich zurückgekommen. Am WBI konnte ich meinen Horizont erweitern und Interessen weiterverfolgen. Sehr wichtig war mir beispielsweise schon immer die Kundenorientierung, weshalb die zahlreichen Außentermine auch am Wochenende für mich keine Last, sondern eine gute Gelegenheit waren, mit den in der Weinwirtschaft tätigen Menschen ins Gespräch zu kommen und aktuelle Fragen aufzugreifen.

Gibt es schon etwas zu Ihrer Nachfolge zu berichten?

Die Stelle wird voraussichtlich bald ausgeschrieben.

Was nehmen Sie sich  für die Zeit ab Jahresbeginn 2021 vor? Worauf freuen Sie sich, was bisher eventuell zu kurz kam?

Meine Frau und ich möchten mit Freude am Radfahren entlang des neuen Badischen Radwanderwegs die hervorragende Gastronomie erkunden – natürlich nicht ohne ein Gläschen Wein zu genießen.