Fachliches | 01. August 2019

Traubenvollernter immer ausgefeilter

Von Tobias Burtsche, Weinbauberater, Landratsamt Breisgau-Hochschwarzwald
Der Einzug der maschinellen Lese im Weinbau seit den 1980er-Jahren hat einen großen technischen Fortschritt gebracht. Seither hat sich die Technik ständig weiterentwickelt.
Die manuelle Traubenlese ist im Weinbau mit 120 bis 200 Akh/ha im Direktzug und 200 bis 300 Akh/ha im Seilzug oder in Handarbeitslagen sehr aufwendig. Aufgrund verschiedener Veränderungen – Stichworte hierzu sind Just-in-time-Lese, kürzeres Lesefenster, Klimawandel – und größerer Betriebseinheiten bei gleichzeitig weniger verfügbaren Familien- und Fremdarbeitskräften – wächst die Bedeutung der maschinellen Traubenlese.
In der Praxis sind zwei Typen von Traubenvollerntern zu unterscheiden: schleppergezogene Maschinen und Selbstfahrer. Die führenden Produzenten von Traubenlesemaschinen am Weltmarkt sind Braud, Pellenc, Gregoire und Ero, wobei Ero, als einziger deutscher Hersteller, zugleich auch Marktführer in Deutschland ist.
Präzise Maschinensteuerung
Seitliche Entleerung in einen Transportwagen
Der Grundaufbau der beiden oben genannten Maschinentypen setzt sich zusammen aus dem Erntekopf mit Einfach- oder Doppelschüttelwerk, den Förderbändern (Schuppen- oder Becherförderung) und dem Traubensammeltank (Edelstahl). Zusätzlich sind eines oder mehrere Absauggebläse an unterschiedlichen Stellen auf dem Weg der Beeren zum Sammeltank montiert. Hierdurch wird das Lesegut von Blättern, Stielen und sonstigen Fremdstoffen gereinigt.
Das gesamte Ernteaggregat wird hydraulisch angetrieben und elektrohydraulisch gesteuert. Dies ermöglicht es dem Fahrer, zum Beispiel über die Einstellung der Schüttelfrequenz, die Grundqualität der maschinellen Lese über die Drehzahl der Absauggebläse und die Fahrgeschwindigkeit zu beeinflussen und auf die Traubenqualität und die Vorbedingungen der Rebanlage einzugehen.
In dieser Hinsicht gibt es unter den Herstellern technische Unterschiede, die vor einer Investition genau geprüft und abgewogen werden sollten, um für die betrieblichen Anforderungen gerüstet zu sein.
Die Aufmerksamkeit und die Erfahrung des Fahrers und damit die Bedienung der Maschine sind ein wesentlicher Aspekt bei der maschinellen Lese und ein entscheidender Qualitätsfaktor.

 
Geräteoptionen
Neben dem Grundaufbau der Maschinen sind viele optionale Ausstattungen möglich. In diesem Bereich ist im letzten Jahrzehnt viel Neues entwickelt worden, wie beispielsweise eine schonende Abbeertechnik und der Rollensortierer.
Diese Bauteile steigern die Qualität der maschinellen Lese und bieten die Möglichkeit, noch gezielter auf die jahrgangs- und sortenspezifische Traubenqualität zu reagieren. Wichtig ist dies insbesondere für die Ernte von qualitativ einwandfreiem Rotweinlesegut.
Da mittels Sortier- und Abbeertechnik maschinell gelesene Trauben schon abgebeert und von Stängeln und Stielen befreit sind, kann das Lesegut direkt auf die Presse, in den Maischegärtank oder über die Erhitzungsanlage gegeben werden. Damit ist eine schonende und rasche Weiterverarbeitung ohne erneuten Maischetransport möglich, beispielsweise durch Pumpen. 
Logistik des Transports
Rückwärtsentleerung in Bottiche bei einem Traubenvollernter von Gregoire
Bauartbedingte Unterschiede ergeben sich auch durch die Traubensammelbehälter, die auf den Lesemaschinen aufgebaut sind. Der begrenzende Faktor ist die Logistik des Traubentransportes, unter anderem beim Auskippen in Bottiche oder in einen Traubenwagen. Die Systeme müssen aufeinander abgestimmt sein.
Neben den Rückwärtskippern mit zwei Traubensammelbehältern sind manche Lesemaschinen auch mit nur einem Traubensammelbehälter mit seitlicher Entleerung ausgestattet – Ero und Braud haben solche Maschinen im Angebot. Daraus ergibt sich, dass der Traubenvollernter und der Anhänger bei seitlicher Entleerung der Traubenbehälter auf den Transportanhänger nebeneinander Rangierraum haben müssen.
Was die Logistik der Traubenentleerung vom Vollernter in entsprechende Transporteinheiten betrifft, herrscht in Baden mit überwiegendem Traubentransport in Bottichen eine sehr zeitaufwendige Arbeitsweise vor. Im Vergleich dazu sind sämtliche Formen von Traubenwagen zeitlich viel effektiver und einfacher. 
Technik eines Rollensortierers
Bei den selbstfahrenden Traubenvollerntern sind zumindest optional Abbeermaschinen und Rollensortierer erhältlich. Bei den gezogenen Traubenvollerntern ist das nicht bei allen Modellen möglich. Hier begrenzen das Maschinengewicht und die Kopflastigkeit den Anbau weiterer Aggregate.
Jedoch verbauen die Firmen Pellenc und Gregoire auch auf ihren gezogenen Maschinen Rollensortierer und Abbeermaschinen. Die unterschiedlichen Hersteller haben verschiedene Bezeichnungen für ihre Rollensortierer wie beispielsweise
  • Ero:  „Vitiselect”
  • Pellenc: „Selectiv Process”
  • Braud: „Opti Grape”
  • Gregoire: „Cleantech Vario” und „Easy clean”.
Nachdem das Lesegut (Beeren und Traubenteile) mittels der schwingenden Schüttelstäbe von den Reben abgeerntet worden ist, wird es über die Transportbänder zur Abbeermaschine transportiert. Über unterschiedliche Absauggebläse werden Blätter und Stiele vom Lesegut abgetrennt.
Die Abbeermaschinen unterscheiden sich, je nach Hersteller, in ihrem technischen Aufbau. So hat beispielsweise Braud eine eigene, patentierte Bandabbeermaschine mit Gitterbändern und Fingerwellen, die schonend arbeitet. Hingegen setzt Pellenc auf einen linearen Hochfrequenzentrapper. Hierbei werden die Trauben auf einem Gitterförderband ein zweites Mal durch frequenzgesteuerte Schüttelstäbe geleitet. Hierbei wird ebenfalls sehr schonend abgebeert. Ero verwendet einen Trommelentrapper, wie er traditionell bei der Traubenverarbeitung in der Kellerei zum Einsatz kommt.
Rollensortierer
Nach dem Abbeeren fallen die Beeren auf den Rollensortierer. Hier wird das Lesegut weiter gereinigt, das heißt, es werden noch vorhandene Rappen, Blattstiele sowie Holz- und Blattteile etc. mithilfe der hydraulisch angetriebenen Rollen heraussortiert. Dabei sind die Rollensortierer je nach Modell und Option hydraulisch in ihrer Weite und in der Geschwindigkeit verstellbar. Hieraus ergeben sich sehr gute Anpassungsmöglichkeiten, um auf das Traubengut technisch einzugehen. Es ermöglicht damit bei guter Vorbereitung der Rebanlagen ein selektives Lesen unverletzter Beeren.
Je nach Hersteller sind die Rollensortierer längs (zum Beispiel bei Pellenc) oder quer (zum Beispiel bei Ero) zur Fahrtrichtung angeordnet.
Mittels moderner Abbeertechnik in Kombination mit dem Rollensortierer ergeben sich neue Möglichkeiten der qualitätsorientierten Lese. Damit ist auch die Lese roter Trauben zur Rotweinverarbeitung möglich.
Rebanlagen für die Maschinenernte vorbereiten
Rollensortierer des Herstellers Pellenc
Die Kulturführung im Weinberg ist die Grundlage für gesunde Trauben und eine maschinelle Ernte. Dazu gehören die optimale Gestaltung der Drahtrahmen und eine termingerechte Durchführung der Stockarbeiten sowie ein optimaler Pflanzenschutz. Aber auch der Einsatz von Bioregulatoren bei kompakten Klonen und Rebsorten, das pneumatische Entblättern (Ausblasen) oder Teilentblättern der Traubenzone zur Fäulnisprävention sind wichtige Parameter für die Produktion von gesundem Lesegut.
Letztendlich ist die manuelle, zeitnahe Vorarbeit und Kontrolle der Trauben vor der maschinellen Lese entscheidend für die Gesamtqualität des daraus hergestellten Weines.
Beim manuellen Vorarbeiten sind entsprechend unreife Trauben – Nachzügler – oder überreife, mit Fäulnis – Botrytis, Essig – behaftete Trauben zu entfernen. Bei ungünstiger, nasser Witterung oder hohem Fäulnisdruck sollte die manuelle Vorlese einen Tag vor der maschinellen Ernte erfolgen.
Problemanlagen, beispielsweise bei Befall mit Oidium und Kirschessigfliegen oder mit sehr hohem Botrytisanteil, können auch mittels einer Vorlese meist nicht entsprechend vorbereitet werden, um die qualitativen Vorbedingungen für eine maschinelle Lese zu erreichen. Solche Rebanlagen sollten von Hand geerntet werden.
Reinigung und Wartung der Maschinen
Mitentscheidend für eine einwandfreie Traubenqualität bei der maschinellen Lese ist die hygienische Sauberkeit der eingesetzten Maschine. Die Hersteller bieten optional zentrale Wasseranschlüsse für die Vorreinigung an.
Eine manuelle Reinigung durch geschultes Personal ist aber dennoch zwingend erforderlich. Hierin liegt eine große Verantwortung, um die Maschine auch mikrobiologisch sauber, also möglichst frei von Hefen, Bakterien und Schimmelpilzen, zu halten.
Die Funktion und Sauberkeit müssen nach der Reinigung visuell überprüft werden. Eine tägliche Wartung und das regelmäßige Abschmieren reduzieren den Verschleiß und gewährleisten die Funktion.