Fachliches | 28. Februar 2019

Unterstockpflege mit und ohne Herbizide

Von Tim Ochßner, Weinbauberater, Landratsamt Karlsruhe (Bruchsal)
Wenn Herbizide für den Weinbau langfristig erhalten werden sollen, müssen sich die Winzer auf einen etwas konsequenteren Umgang mit den Präparaten einlassen. Vor allem müssen Auflagen der Zulassung bekannt sein und eingehalten werden.
Zu sehen ist hier ein überbreiter Herbizideinsatz. Der behandelte Streifen sollte so schmal wie möglich gehalten werden. Die Breite der Begrünung in der Gasse sollte mindestens die Traktorenbreite plus 20 Zentimeter betragen.
Grundsätzlich ist bei der chemischen Unkrautbekämpfung die gute fachliche Praxis einzuhalten – wie bei allen Anwendungen von Pflanzenschutzmitteln, die ja immer umweltsensibel sind.
Zwar führt der Großteil der praktizierenden Winzer einen guten und ordnungsgemäßen Herbizideinsatz in den Weinbergen durch. Aber es gibt auch „schwarze Schafe” im eigenen Berufsstand, die für viele Diskussionen in der Öffentlichkeit verantwortlich sind. Denn selbst die wenigen fehlerhaften Herbizidanwendungen auf Nichtzielflächen sind aufgrund ihrer deutlichen und langen Sichtbarkeit in der Wahrnehmung vieler Verbraucher angekommen. Das schadet dem Image des Weinbaus.
Der heutige Stand der Technik lässt definierte Bandspritzungen im Unterstockbereich entlang der Zeilen oder Punktbehandlungen um den Stock herum als gängige Maßnahmen erscheinen. Zurzeit stehen im wesentlichen Herbizide mit den Wirkstoffen Glyphosat, Wuchsstoffen und Flazasulfuron sowie die Abbrenner Beloukha, Shark und Quickdown zur Verfügung.
Glyphosat
Glyphosat wird über grüne Blätter aufgenommen, jedoch nicht über die Wurzeln, kann aber über Wunden in das Pflanzengewebe eindringen. Das Herbizid wird nach der Aufnahme systemisch, also mit dem Saftstrom, in der Pflanze verteilt und bis in die Wurzeln verlagert. Es steht eine Vielzahl von unterschiedlichen Präparaten zur Verfügung, die alle mit dem gleichen Wirkstoff in unterschiedlicher Mittelkonzentration arbeiten.
Das sehr breite Wirkungsspektrum von Glyphosat hat Lücken bei Samenunkräutern und vor allem bei den Weidenröschen. Es wirkt durch die Störung der Biosynthese von aromatischen Aminosäuren. Nach der Ausbringung hören die Unkräuter zunächst auf zu wachsen und sterben nach zwei bis drei Wochen ab.
Flazasulfuron
Herbizide sollten gezielt nur im Unterstockbereich appliziert werden. So werden nur rund 20 bis 30 % der Fläche getroffen. Mit moderner Technik können die Mittel sehr präzise ausgebracht werden.
Flazasulfuron wird über das Blatt und die Wurzel aufgenommen. Der Absterbeprozess zeigt sich durch gelbliche Verfärbung und ist sehr langsam – zunächst wird nur das Wachstum des Unkrautes eingeschränkt. Das Mittel entwickelt auch eine Vorauflaufwirkung. Somit verlängert sich die Wirkungsdauer im Vergleich zu Glyphosat erheblich.
Das Herbizid wirkt über die Hemmung der Acetolactat-Synthase. Die Rebe reagiert selbst in geringsten Dosen empfindlich auf den Wirkstoff. Die Wirkstoffmengen pro Hektar sind sehr niedrig, so dass eine exakte Dosierung des Mittels notwendig ist.
Die Spritzen müssen gründlich mit alkalischen Hilfsstoffen gereinigt werden, entsprechend den Vorgaben für Sulfonylharnstoffe. Da eine Aufnahme über die Wurzeln möglich ist, sollten Starkniederschläge oder tiefe Bodenbearbeitungen nach der Applikation unterbleiben, um den Wirkstoff nicht in die Wurzeln der Reben zu verlagern.
Für die Bindung im Boden wird Humus benötigt. Auf sehr steinigen Böden besteht die Gefahr der Verlagerung an die Rebwurzel. Flazasulfuron hat ein breites Wirkspektrum, seine Schwachstelle sind Weidenröschen.
Propyzamid und Pelargonsäure
Propyzamid ist ein Carbonsäureamid. Es wirkt über die Hemmung der Zellteilung. Das Herbizid wird im Vorauflauf eingesetzt und hat ein eingeschränktes Wirkungsspektrum.  Beim Ausbringen sollte der Boden feucht sein.
Die Fettsäure Pelargonsäure hat eine §-18a-Zulassung. Sie ist in der Lage, die Oberfläche grüner Pflanzenteile so zu verändern, dass die benetzten Bereiche in kurzer Zeit eintrocknen. Der Wirkstoff dringt nicht in die Pflanze ein und wird auch nicht über verholzte Pflanzenteile aufgenommen.
Daher eignet er sich sowohl als selektives Herbizid als auch für das Entfernen der Stockaustriebe. Die Pelargonsäure wird ausschließlich aus pflanzlichen Ölen aus Raps und Sonnenblumen gewonnen. Der Wirkstoff wird in der Umwelt schnell und rückstandsfrei abgebaut – DT50 weniger als zwei Tage. Winden und Brennnesseln können nur während ihrer Blüte bekämpft werden.
Carfentazone/Pyraflufen und Napronamid
Nicht notwendiger und nicht zulässiger Herbizideinsatz auf der gesamten direktzugfähigen Weinbergfläche.
Carfentazone/Pyraflufen haben eine §-18a-Zulassung zum Entfernen der Stocktriebe in starkwüchsigen Sorten. Sie entfalten ihre Wirkung über die Hemmung der Photosynthese. Alle getroffenen grünen Teile werden schnell schwarz und sterben ab.
Der Einsatz ist auf zwei Zeitpunkte zum Ausbrechen beschränkt. Es sind viel Wasser und eine gute Applikationstechnik notwendig. Nur getroffene Teile sterben ab, bei Abdrift besteht die Gefahr von Nekrosen auch an Reben.
Napronamid wirkt als Vorauflaufmittel auch über die Wurzeln. Es erfasst über die Bildung eines Herbizidfilms eine Vielzahl einjähriger Ungräser und breitblättriger Unkräuter im Vorauflauf, auch beispielsweise glyphosatresistente Weidenröschen und Amarant. Es ist als einziges Herbizid für das Pflanzjahr zugelassen.
Das Herbizid wird direkt nach dem Pflanzen ausgebracht und wirkt mit einem Bodenfilm, was wiederum die Applikationsbedingungen definiert. Der Boden sollte feucht sein und nach dem Spritzen sollte er nicht bearbeitet werden.
Flumioxazin
Flumioxazin wird über die Blätter und den Boden bei der Keimung der Unkräuter aufgenommen. Es hemmt deren Enzyme und führt unter Mithilfe von Licht und Sauerstoff zur Bildung freier Sauerstoffradikale, die die Zellmembranen zerstören. Um rasch wirken zu können, benötigt Flumioxazin helles Sonnenlicht und feuchten Boden.
Es schädigt auch grüne Pflanzenteile, weshalb im Jungfeld keine grünen Teile getroffen werden dürfen. Auf verholzten Stämmen hat es keine Wirkung. Es ist im Pflanzjahr bei entsprechender Abschirmung – Schutzröhren – zugelassen, außerdem für die ersten Standjahre. Es ist mittlerweile der einzige zugelassene Wirkstoff im ersten und zweiten Standjahr.
Die Qual der Wahl
Um Herbizide sachgerecht auswählen zu können, muss man deren Wirkungsspektren bei der Entscheidung berücksichtigen. Die Tabelle gibt einen kleinen Einblick in die in den Produktinformationen gelisteten Wirkungen. Die Tabelle ist nicht vollständig und muss durch weitere Erfahrungen ergänzt werden.
Aus der aufgelisteten Mittelpalette und den Wirkungsspektren ergeben sich sehr viele Möglichkeiten für eine erfolgreiche Bekämpfung von Unkräutern. Im Folgenden sollen einige Strategien mit Beispielen erläutert werden.
Konventionelle Strategie
Bei einer konventionellen Herbizidstrategie wird der erste Einsatz nach dem ersten Ausbrechen Mitte bis Ende Mai durchgeführt. Dies hat den Vorteil, dass die vorhandenen Unkräuter ausreichend stark aufgelaufen sind und damit genügend Blattfläche für die Aufnahme des Wirkstoffes vorhanden ist.
Hier wird in der Regel mit einem glyphosathaltigen Mittel gearbeitet. Da vorher ausgebrochen wurde und die Wunden vom Ausbrechen nicht mehr bluten, wird bei ordnungsgemäßen Bedingungen kein Wirkstoff von der Pflanze aufgenommen. Das absterbende Unkraut bildet einen Mulchteppich, welcher das erneute Auflaufen zumindest einige Zeit verhindert und sich positiv auf eventuelle Erosionsprobleme bei Starkregen auswirkt.
In vielen wüchsigen Gebieten wird im Sommer eine zweite Behandlung nach dem gleichen Prinzip notwendig. Nachdem der Wirkstoff Basta nicht mehr zugelassen ist, muss bei der zweiten Behandlung in den meisten Fällen auf eine weitere Glyphosatbehandlung ausgewichen werden. Hierzu muss wiederum zuvor sauber ausgebrochen werden. 
Inwieweit die nach § 18 zugelassenen Mittel Shark oder Quickdown – die Zulassungseinschränkungen sind zu beachten – mit ihrer abbrennenden Wirkung zum Ausbrechen einen ausreichenden Nebeneffekt zur Unkrautregulierung beisteuern, ist wahrscheinlich witterungsabhängig. Mit dieser Strategie muss aber nicht ein zweites Mal am Stamm ausgebrochen werden. Hier können nachgewachsene Austriebe getroffen werden, ohne dass der Stock zu Schaden kommt.
Häufig stellen sich bei dieser Strategie Probleme mit einer Vermoosung des Unterstockbereiches ein. Schwierig ist die Bekämpfung von Amarant, Ackerwinde, Brennnessel, Melde und Weidenröschen.
Alternative Strategie 1: Applikation verschieben
Um den Zeitpunkt der Herbizidbehandlung verschieben zu können, werden Vorauflaufmittel in Kombination mit systemischen Blattherbiziden eingesetzt – das zeigen die zwei Beispiele in den Grafiken. Bereits zum Vegetationsbeginn der Reben werden auf feuchte Böden beispielsweise propyzamidhaltige Mittel vorgelegt. Diese entfalten einen langanhaltenden Schutz gegen Samenunkräuter. Im Sommer aufgelaufene Unkräuter werden entweder nach dem Ausbrechen mit glyphosathaltigen Mitteln bekämpft – es dürfen weder Wunden noch grünes Laub vorhanden sein – oder mit Abbrennern.
Alternative Strategie 2: Verlängerung der Wirkung
Um die Wirkungsdauer von Herbiziden zu verlängern, wird die Behandlung Mitte Mai durchgeführt – siehe Beispiel. Es werden Kombipräparate aus Glyphosat und Flazasulfuron eingesetzt. Die Mulchmasse durch absterbende Unkräuter und die Flazasulfuronwirkung gewähren dann einen länger anhaltenden Unkrautschutz. Leider reicht dieser Schutz nicht in jedem Jahr aus, so dass eventuell Nachbehandlungen notwendig werden. Der Wirkstoff Flazasulfuron kombiniert wachstumsbehindernde Eigenschaften mit einem Vorauflaufherbizid. Der Wirkstoff ist in Streifenbehandlung ab dem 1. April einsetzbar.  
Alles hat Vor- und Nachteile
Alle Strategien haben Vor- und Nachteile. Entscheidend für die Wirkungsdauer der Herbizide sind die Bodenfruchtbarkeit des Standorts und der Witterungsverlauf des Anwendungsjahres. Somit muss bei jeder angedachten Strategie im Extremfall mit besonderen Maßnahmen reagiert werden.
Die Grundsatzstrategien ohne Vorauflaufherbizide können und sollten auch in längeren Intervallen mit einer mechanischen Unterstockpflege gekoppelt werden. Zum einen bringt man bei einer Öffnung des Bodens Luft in den Unterstockbereich ein, zum anderen können Problemunkräuter durch eine mechanische Bearbeitung gut entfernt werden. Außerdem lassen sich über die Zeit angewachsene Bodengrate unter den Zeilen entfernen.
Nach dem Spritzen von Vorauflaufherbiziden sollte der Unterstockbereich nicht bearbeitet werden. Je nach eingesetztem Wirkstoff besteht auch für die Rebe ein gewisses Gefahrenpotenzial. Bei fehlerhafter Anwendung oder suboptimalen Bedingungen – durch Wind oder anschließende tiefe Bodenbearbeitung nach Bodenherbiziden – können gewisse Schäden auch an der Rebe auftreten. 
Applikationstechnik
Nicht zugelassener Einsatz von Glyphosat in einer Junganlage
In jedem Fall muss beim Herbizideinsatz die Applikationstechnik höchsten Anforderungen genügen, da Abdrift unbedingt vermieden werden muss und nur ein exakt definiertes Band oder sogar nur eine punktuelle Fläche behandelt werden soll. Zur Vermeidung der Abdrift sollte möglichst großtropfig behandelt werden, manche Mittel wirken aber nur dann richtig, wenn die Zielfläche gut mit der Spritzbrühe benetzt wird. Die Bekämpfung wird standardmäßig mit asymmetrischen 900-Flachstrahldüsen (OC) mit maximal 3 bar Druck durchgeführt. Es können auch die neu entwickelten Antidriftdüsen verwenden werden. Für den Weinbau können Standard-Teejet-UB-Düsen und Lechler-Injektor-IS-Düsen zum Einsatz kommen. Diese sollten allerdings asymmetrisch angewinkelt werden. Die Anwinkelung von 25 ° lässt sich vom Anwender relativ einfach durchführen, da die Düse dann richtig verdreht ist, wenn die kurze Flanke senkrecht nach unten spritzt. Außerdem besitzen noch die AVI-OC-Injektordüse (Agrotop) und die Albuz-OCI-Düse (Agrotop) ein ähnliches Verteilungsprofil. Die AI-UB-Injektordüsen (Teejet) arbeiten schon ab 2 bar, die Airmix-Injektordüsen (Agrotop) schon ab 1 bar Druck.
Für den gezielten Einsatz und das Vermeiden von Nachtropfverlusten sind Membranrückschlagventile einzubauen. Die Düsen sollten in Edelstahl oder Messing ausgeführt sein. Gespritzt wird mit Wassermengen von maximal rund 200 Liter je Hektar (l/ha).
Bei der Berechnung der Aufwandmenge und der benötigten Wassermenge sollte man unbedingt berücksichtigen, dass nur eine Bandbehandlung stattfindet, die Aufwandmengen aber für eine ganzflächige Behandlung angegeben sind. Man muss also den prozentualen Anteil der behandelten Fläche ausrechnen und den Wirkstoffgehalt dabei möglichst konstant halten.
Die Wasseraufwandmenge je Hektar ergibt sich aus dieser Formel – unabhängig von der Streifenbreite. Sie sollte sich – bezogen auf eine Ganzflächenbehandlung – zwischen 300 und 600 l/ha bewegen. Zur Berechnung der Wasseraufwandmenge muss zunächst der Düsenausstoß in Litern je Minute (l/min) gemessen und danach gemäß der oben stehenden Formel gerechnet werden.
Bei jedem Herbizideinsatz sollte der Nutzen mit den Nachteilen abgewogen werden. Ein gezielter, auf die tatsächlich notwendige Breite beschränkter Herbizideinsatz hilft vor allem Arbeitsspitzen zu entspannen, kann aber auch Kosten sparen.